Orchestre Révolutionnaire et Romantique © Chris Christodoulou
Chris Christodoulou
Bild: Chris Christodoulou

Musikfest Berlin | Philharmonie Berlin - Benvenuto Cellini

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Das Musikfest Berlin feiert in diesem Jahr - anlässlich des 150. Todestages - den französischen Komponisten Hector Berlioz. Am Samstag wurde das Musikfest von einem ausgewiesenen Berlioz-Kenner eröffnet: Sir John Eliot Gardiner. Eine Sternstunde?

Von Hector Berlioz hat sich fast nur die "Symphonie fantastique" durchgesetzt. Der Komponist wird der Pompösität und sogar des Plunders verdächtigt. Nur zwei Dirigenten gab es, die ihn beglaubigen konnten. Von diesen stand am Samstag der wichtigere am Pult, so dass es zur (erst) dritten Berliner Aufführung des "Benvenuto Cellini" seit der Uraufführung 1838 kommen konnte. Und siehe: eine Offenbarung. Ständiger Szenenapplaus platzt in die halbszenische Produktion hinein. Jubel bis dorthinaus. Erstaunlicher Fall.

John Eliot Gardiner © Sim Canetty-Clarke
Bild: Sim Canetty-Clarke

Gardiner bringt das Werk zum Lachen

Die Botschaft besteht unter John Eliot Gardiner darin, dass Berlioz radikaler war als wir dachten. Seine Posaunen tröten dreckiger. Seine Knallkörper detonieren mit ohrenbetäubenderem Lärm. Da geht ein Funkenflug unkontrollierter Obertöne über dem Publikum nieder, nur um von einem Sprüh- und Sprinklerregen grellster Klangfarben wieder gelöscht zu werden. Gardiner nimmt den Pomp und Mumpitz nicht zu ernst. Sondern bringt das Werk ordinär zum Lachen. Funktionieren kann das aufgrund der historischen Instrumente, welche leiser und weit erdiger klecksen als heutige. Die ganze Klanglichkeit des Abends hatte ich noch nie irgendwo erlebt.

Zur Opéra-comique des "Cellini" passt das durchaus. Es geht um die berühmte Perseus-Statue, die bis heute in der Loggia dei Signoria in Florenz zu bewundern ist. Um den Auftrag des Papstes rechtzeitig auszuführen, muss der Goldschmied und Bildhauer alles einschmelzen, was sonst noch an Werken bei ihm herumsteht. Ihn selber lernen wir als üblen Renaissance-Grabscher, Haudegen und Frauenhelden kennen. Als getreuen Vorschein Casanovas (wie ja auch Cellinis Autobiografie das beste Buch seiner Art vor Casanovas "Histoire de ma vie" war). Das darf komisch sein. Und man merkt deutlich, wie Gardiner das Werk aus dem Blickwinkel derber Barockspäße von Monteverdi bis zur Gänsemarkt-Oper betrachtet. Erhellend.

Eine Sternstunde

Mit seinem Protagonisten hat Gardiner, um im Bild zu bleiben: eine Schweineglück gehabt. Michael Spyres, obwohl hier nicht in Bestform, ist der überragendste Sänger des französischen Fachs seit dem goldenen Zeitalter des Gesangs. Energische Heldentöne verbindet er mit lyrischer Schlankheit und einer sandstrahlhaften Emission. Ganz ohne den notorischen Kapaun- und Gänserich-Ton, den man normalerweise bei derartigen Tenören findet. Und der meist klingt, als ginge einer Gans beim Stopfen der Gänseleber die Luft aus. Michael Spyres ist anders – und großartig. Neben ihm verblassen die Übrigen (am besten: Lionel Lhote als kernig-reißerischer Fieramosca sowie Sophia Burgos als Teresa und Adèle Charvet als Ascanio, sobald sie im Duett singen).

Gewonnenes Spiel für Berlioz? Ja und nein. Man merkt, wie sehr dieser Komponist von Aufführungsbedingungen abhängt. Richard Strauss betrachtete ihn als Schöpfer des modernen Orchesters. Das hört man hier. Aber nur, weil der Zustand damaliger Orchester mitbedacht wurde. Eine Sternstunde. Ich wäre am nächsten Tag gleich nochmal reingegangen.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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