The Bassarids, hier: Günter Papendell (Pentheus), Chorsolisten der Komischen Oper Berlin; © Monika Rittershaus
Monika Rittershaus
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Komische Oper Berlin - "The Bassarids"

Bewertung:

Schon bei Wiederausgrabungen in München und Salzburg wurden "Die Bassariden", Hans Werner Henzes Version der "Bakchen" des Euripides, als Hauptwerk aufgefasst. Harter Tobak. Dagegen ist "Elektra" ein Ammenmärchen, schließlich geht es darum, dass eine rasende Mutter ihren Sohn in Stücke reißt. Die Rolle der Agaue war in den 70er Jahren an der Schaubühne einer der epochalen Triumphe von Edith Clever. Auch diesmal verfehlt der Stoff seinen Katharsis-Effekt nicht (gemäß jener griechischen Erschütterungstheorie, nach dem wir uns von Mitleidsgefühlen reinigen, die wir verspüren). Das Ende der Aufführung kreiert eine Schrecksekunde des Schweigens, wie ich das an der Komischen Oper, wo man sonst gern drauflos applaudiert, kaum je erlebte. Hut ab.

In einem amphitheatralischen Halbrund, einer Stufenfront, führt Barrie Kosky, ich würde sagen: eher eine seiner klug reduzierten, theatralisch entrümpelten Fingerübungen aus. Wie immer samt allfälligem Beineschmeißen, Arschwackeln und Overacting. Da das wie eine Antiken-Soap und Familien-Groteske wirkt, verstehe ich nicht, warum man zur revidierten Fassung hier noch das satyrhafte Intermezzo hinzufügt (das Henze eigentlich gestrichen hat). Am besten gelungen: der Schluss, zu dem Dionysos das Blutbad rechtfertigt. Auch vom Stück her sind diese 30 Minuten das Tollste.

Atonale Komposition, durchzogen mit harmonischen Goldadern

Natürlich ist das atonal komponiert; wenn auch mit harmonischen Goldadern, die wie fossile Einschlüsse erscheinen. Und rauscht doch so verschwenderisch auf – ein Faltenwurf sondergleichen –, dass man die Ohren aufsperrt. Henze macht keinerlei Anleihen bei Richard Strauss – dem Großverdiener, zu dem heutige Komponisten immer schielen. Stattdessen gibt es Reminiszenzen an Kurt Weill und vor allem Strawinsky; 1966, auf dem Höhepunkt der Kritischen Theorie, war das geradezu ein Statement. An leisen Stellen glaubt man, Henze wolle sich als eine Art deutscher Benjamin Britten empfehlen. Sehr schön!

Das Orchester taugt zum eigentlichen Protagonisten

Ein paar Stars könnten der Aufführung gewiss nicht schaden. Immerhin hat man drei Darsteller aus der Salzburger Produktion von 2018 übernommen (damals inszeniert von Krzysztof Warlikowski). Darunter den als Dionysos sehr exotisch und erotisch besetzten, indisch anmutenden Sean Panikkar. Auch die Agaue (Tanja Ariane Baumgartner) war schon in Salzburg mit dabei. Vom Haus sehr gut, wie immer: Günter Papendell (als Sohn Pentheus). Vor allem ist es der große Abend von Vladimir Jurowski. Dem Orchester – so groß dimensioniert, dass die Bläser auf der Bühne sitzen und das Schlagwerk bis in die Ränge reicht – entlockt er so viel Weichheit, zugleich rhythmische Präzision, dass es zum eigentlichen Protagonisten taugt.

Ich benutze ungern das schlechtgelaunte Wort "verdienstvoll". Trotzdem möchte man gern mehr hören von diesem Komponisten. (Warum nicht "Der junge Lord"?). Der 2 ½-Stünder haut einem erstaunlich kathartisch die Beine weg.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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