Rio Reiser – Mein Name ist Mensch © Franziska Strauss
Bild: © Franziska Strauss

Schauspielmusical von Frank Leo Schröder und Gerd C. Möbius - "Rio Reiser – Mein Name ist Mensch"

Bewertung:

Nach musikalischen 'Biographicals' über Udo Jürgens, Udo Lindenberg, Doris Day und Hilde Knef ist man mittlerweile bei den Underground-Größen angelangt. Rio Reiser, trotz kommerziellen Groß-Erfolgen wie "König von Deutschland" und "Junimond", war ja doch eine Gegen-Ikone, ein Held des Anti-Establishment. Nächstes Jahr wäre er 70 Jahre alt geworden. Zu erleben, wie der Hymnen-Schreiber der Hausbesetzer-Bewegung, zugleich schwules PDS-Mitglied, ausgerechnet in der Komödie am Kurfürstendamm ankommt, ist leicht skurril. Hier standen zur Premiere Eberhard Diepgen, Dagmar Frederic und Otfried Laur auf der Gästeliste; keine geborenen Freunde. Die Standing ovations müssen also als Zeichen gewertet werden, dass die Komödie eine Off-Kehrtwende siegreich vollzogen hat. Ein guter Abend!

Rio Reiser – Mein Name ist Mensch © Franziska Strauss
Bild: © Franziska Strauss

Die Songs von Rio Reiser würden noch besser tragen, wären es ein paar weniger gewesen. Sage und schreibe 27 Stücke werden abgefackelt, nach der Pause eskaliert der Abend vollends zur Nummernrevue. Das Ganze ist dreiviertel Stunden länger als angekündigt (nämlich 3 ¼-stündig). Die musikalische Substanz erweist sich als erstaunlich. Rio Reiser stand ja für einen eher wummerigen Skandier-Rock, melodienmäßig auf schwächsten Füßen. Das war aber gerade das Visionäre an ihm, es weist – aufgrund fortschreitender Melodienauslöschung – in Richtung Prä-Hiphop. Frappierend auch die literarische Qualität dieses Mannes. Parolenhafte Titel wie "Keine Macht für niemand" oder, auch schön, "Macht kaputt, was euch kaputt macht" sind schlagfertig getextet (und gereimt), so agitpropmäßig sie auch daher kommen. Ich würde einräumen, dass Reiser einer der wohl fünf besten Lied-Texter der Nachkriegszeit in Deutschland war.

Stilvoll und geschmackssicher

In einer abgewrackten Probenetage – das naturalistisch schönste, weil spakigste Bühnenbild, das ich an diesem Haus je sah – werden stichwortartig die biographischen Stationen abgefragt. Das geschieht eher wegwerfend lakonisch und nebenbei; egal ob es die frühe Beatles-Manie betrifft, den Aufbau und Zerfall der Band oder den plötzlich, durch Folgen des Alkohols hervorgerufenen Tod im Jahr 1996. Stilvoll und geschmackssicher geschieht das.

Rio Reiser – Mein Name ist Mensch © Franziska Strauss
Bild: © Franziska Strauss

Frédéric Bossier als Rio Reiser überzeugt - wenn auch mit weniger Schutt, Schotter und Geröll in der Stimme als das Original

Frédéric Bossier in der Titelrolle war schon im Potsdamer Original (am Hans Otto-Theater) mit dabei, das hier fortgesponnen wird. Dort allerdings in einer kleineren Rolle. Mit spitzigem Gesicht ähnelt er mehr Tom Schilling. Der Gesang tendiert zu Grönemeyer oder Marius Müller-Westernhagen. Hat also nicht genug Schutt, Schotter und Geröll in der Stimme, wenn man bedenkt, dass der Sexappeal Rio Reisers ja gerade im Gegensatz seiner Whisky-Stimme mit dem fast mädchenhaft schönen Gesicht bestand. Hier liegt’s etwas anders. Aber sehr gut.

Angenehm unpassend

Abgesehen von der völlig absurden, unverständlichen Überlänge handelt es sich um das trefflichste Exemplar seiner Gattung, das mir begegnet ist. Noch dazu, weil diese Szene-Größe im Haus an der Bismarckstraße angenehm unpassend erscheint. Ich wusste auch gar nicht, dass der Name der Band "Ton Steine Scherben" auf ein Originalzitat von Heinrich Schliemann zurückgeht. Der hatte nach der Ausbuddelung von Troja verlauten lassen: "Was ich fand, waren Ton, Steine, Scherben". – Die Typen waren gar nicht dumm.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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