Staatsoper Berlin - Die lustigen Weiber von Windsor, hier: Mandy Fredrich (Frau Fluth) und Michaela Schuster (Frau Reich); © Monika Rittershaus
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Staatsoper Berlin - "Die lustigen Weiber von Windsor"

Bewertung:

An der Staatsoper liegt die letzte Neuinszenierung der "Lustigen Weiber von Windsor" 35 Jahre zurück. An der Deutschen Oper (in der Inszenierung von Winfried Bauernfeind) ähnlich lange. Das liegt nicht an Otto Nicolai, dem eine meisterhafte Shakespeare-Vertonung gelang – wie man bei dieser Premiere durchaus feststellen kann.

Staatsoper Berlin - Die lustigen Weiber von Windsor, hier: Mandy Fredrich (Frau Fluth), Michael Volle (Herr Fluth), Linard Vrielink (Junker Spärlich), David Oštrek (Dr. Cajus), Michaela Schuster (Frau Reich) und Wilhelm Schwinghammer (Herr Reich); © Monika Rittershaus
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Nein, die gesamte deutsche Spieloper ist mittlerweile unter Piefigkeitsverdacht geraten. Das gilt genauso für Albert Lortzing, und ist bei diesem genauso falsch. Die Neuproduktion der "Lustigen Weiber" reagiert auf die Uraufführung am selben Haus vor genau 170 Jahren. Man hat – mit einer ganzen Corona von Wagner-Stars – unerhörte Manpower investiert. Was ich dem Haus hoch anrechne.

Richten soll es zunächst einmal die Regie. David Bösch kommt vom Schauspiel her, hat zuletzt am Berliner Ensemble das neue Stück von Tracy Letts inszeniert ("Eine Frau"). Die Titelletter des Staatsopern-Programmheftes sind in derselben Type gesetzt, in der früher die Party-Alben von James Last gestaltet waren. Bauchig, aber doch wohlanständig.

Das bedeutet hier: Siebzigerjahre! Eine Bungalow-Siedlung voller Gartengrills, Wäschespinnen und Mobiltelefonen, so groß wie Hundeknochen. Gelegentlich wird gelacht, wenn auch nicht sehr laut. Wichtiger für mich: Als Spießersatire geht dieser deutsche Falstaff ganz gut durch.

Staatsoper Berlin - Die lustigen Weiber von Windsor, hier: René Pape (Sir John Falstaff); © Monika Rittershaus
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Was für eine Besetzung!

René Pape als selbiger Falstaff trägt Feinripp über der Wampe. Sein Fatsuit lässt den Bauchnabel frei. Er sieht gut aus – eigentlich zum Küssen! Ungefähr so, als hätte Hermes Phettberg als Backstage-Gorilla beim Heavy-Metal-Festival von Wacken angeheuert. Ein guter Lacher. Auch sängerisch schlägt er die Hauer in seine Partie, als sei es eine fette Wildschweinkeule.

Mandy Fredrich als Frau Fluth bleibt daneben erstaunlich flockig und relaxed. Ihr Ehemann Michael Volle wiederum kann den Hans Sachs in sich nicht ganz verleugnen (er klingt, als habe er doch noch das Meistersinger-Evchen zur Frau genommen). Leider sind die Spitzentöne von Anna Prohaska an diesem Abend leicht flackrig und blaken. Immerhin: Was für eine Besetzung!

Ein kleines Debakel

Etliche Wochen nach den Anwürfen gegen Arbeitsstil und Umgangsformen von Daniel Barenboim hätte ich eigentlich erwartet, dass sein Publikum ihn mit demonstrativem Jubel empfängt. Man wahrt aber höflich Distanz. Sehr zu Recht: Barenboim ist das musikalische Problem der Aufführung. So handzahm und klangzauberisch dirigiert er, als handele es sich um die "Lustigen Weiber von Lohengrin". Es ist die falsche Fährte!

Barenboim vermag nicht wirklich auf die Tube zu drücken und Dampf zu machen, auf dass dieser witzig wieder entweichen könnte. Er bleibt rhythmisch lasch und unpräzise, weshalb dem Orchester alles Komödiantische abgeht. Noch schlimmer: der Chor! Lange habe ich keine so textunverständlichen, verwackelten Chöre in Berlin gehört. Ein kleines, feines Debakel. Fast ein Rücktrittsgrund für einen redlichen Chordirektor.

So kommt dies trotz großen Aufwandes über einen Anstandserfolg kaum hinaus. An den Solisten liegt es nicht, nicht einmal an der Regie. Sondern vor allem daran, dass der Komödiengeist im Graben fehlt. Ich zog nicht undankbar, aber ernüchtert von dannen.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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