"Love, you son of a bitch", Staatsoper Unter den Linden © Gianmarco Bresadola
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Staatsoper Unter den Linden Berlin - "Love, you son of a bitch"

Bewertung:

Ausgehend von Kantaten zum Thema Liebe von Alessandro Scarlatti versucht die Regisseurin Letizia Renzini einen multimedialen Abend mit Musik, Tanz, Elektronik und Video und bleibt mit diesen vielen Elementen doch nur an der Oberfläche.

Der Titel "Love, you son of a bitch" ist einer Kantate von Alessandro Scarlatti entnommen, in der jemand aus unglücklicher Liebe alles verloren hat und jetzt in sehr kräftigen Worten jammert und schimpft. Überwiegend Kammerkantaten über Freuden und Leiden der Liebe von Alessandro Scarlatti bilden die musikalische Grundlage des Abends.

Letizia Renzini stellt in ihrer Arbeit die Frage, inwieweit Liebe und Beziehung in unserer modernen Arbeitswelt mehr und mehr leiden durch die gefordete Flexibilität, etwa in Sachen Arbeitszeit. Aber auch durch den ständigen Anspruch der Selbstoptimierung, also immer noch besser und besser zu werden, bleibt, so Renzini, kaum noch Zeit für Liebe.

Fitness-Studio mit erhängter Puppe

In dem kleinen Raum des Alten Orchesterprobensaals der Staatsoper ist eine Art Fitness-Studio eingerichtet mit Laufband, Matte, Gewicht etc. Immer wieder müssen alle Beteiligten Gymnastikübungen absolvieren, sich dehnen oder Liegestütze machen. Die Cellistin packt ihr Instrument umständlich aus einer Pappverpackung aus wie ein Sportgerät, und die Harfenistin darf auch schon mal auf einem Gymnastikball sitzend spielen. Am Ende kommen dann alle in Bademänteln wie zu einem Saunagang auf die Bühne.

Die Tänzerin Marina Giovannini kommt mit einer lebensgroßen Puppe in den Raum, verbiegt sie und erhängt sie schließlich an einem Seil. Warum, bleibt ihr Geheimnis. Wird vor lauter Selbstoptimierung die Liebe in Gestalt von Gott Amor ermordet? Das bleibt unklar wie die ganze Inszenierung. Daneben ist Marina Giovannini die meiste Zeit mit Gymnastikbewegungen beschäftigt. Wenn sie sich davon anfängt zu lösen, kommt es nicht über allgemeine, unverbindliche Arm- und Drehbewegungen hinaus wie man sie hundertfach im modernen Tanz gesehen hat. Das ist illustrativ, aber es wird nichts vertieft oder entwickelt. Es bleibt an der Oberfläche.

Alte Musik plus

Sopran und Countertenor werden hier von einem kleinen Ensemble begleitet mit Gambe, Cello, Harfe und Salterio, einer Art Hackbrett aus dem 18. Jahrhundert. Dieses Arrangement funktioniert recht gut, wird aber oft mit elektronischem Zuspiel unterlegt: einem Rauschen, Pfeifen, einem Hallraum, manchmal klingt es ziemlich nach Weltraummusik. Eine besondere Rolle hat die Cellistin, die aus dem Bereich der Neuen Musik kommt. Sie improvisiert immer mal wieder mit extremen Glissandi, Mikrotonalität oder Knarzgeräuschen – leider kommt auch das nicht über allzu verbrauchte Mittel der Neuen Musik hinaus. Man kennt das alles, aber Erkenntnis bringt es nicht.

Das musikalische Niveau in der Ausführung ist erfreulich. Herausragend ist die belgische Sopranistin Lore Binon. Sie kann mit Barockmusik umgehen, zeigt eine klare Stimmführung, präsentiert die jeweiligen Affekte sehr sicher und sinnlich und hat eine Leichtigkeit, die sich jedoch immer wieder spannungsreich verdichten kann. Nur konnte man das allenfalls partiell genießen, die erwähnten Zusätze wirkten umso mehr als Störfaktor, als sie mit der originalen Barockmusik kaum in Verbindung traten.

Summe der Teile

Im Moment scheinen multimediale Produktionen auf den Nebenspielstätten der Opernhäuser angesagt zu sein. Dagegen ist prinzipiell nichts zu sagen, nur steuert allzuoft jedes Gewerk seinen Teil bei, und es bleibt bei der Summe der Teile, ohne ein wirklich dramaturgisch überzeugendes Ganzes zu ergeben. Und: Video darf natürlich auch nicht fehlen. Mitunter versucht man hier, das alles zusammenzubringen. Da singt in einer Arie der Countertenor auf dem Laufband, das ist elektronisch grundiert mit Techno-Beats, die Instrumente begleiten, und wer nichts zu tun hat, ist bei einer kleinen einfachen Choreographie dabei. Nett, aber oberflächlich.

Ein schöner Effekt ist in der letzten Arie inszeniert. Da gehen alle aus dem Saal in den Fahrstuhl. Man meint, es werde weiter von dort per Video übertragen, aber das muss eine Konserve sein. Alle kommen von der gegenüberliegenden Seite wieder zurück und singen und spielen live zu Ende. Auch das bleibt lediglich eine Spielerei als Schluss eines Abends, der dann doch eher wenig zu sagen hat.

Andreas Göbel, rbbKultur

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