Staatstheater Cottbus: "Effi Briest" mit Liudmila Lokaichuk (Effi); (im Hintergrund v.l.n.r.) Gesine Forberger (Luise), Zela Corina Calita (Hulda), Debra Stanley (Bertha) und Rahel Brede (Hertha); © Marlies Kross
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Staatstheater Cottbus - "Effi Briest"

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Im Fontane-Jubiläumsjahr soll auch eine Fontane-Oper nicht fehlen: "Effi Briest". Am Samstag wurde sie in Cottbus uraufgeführt, komponiert von keinem Geringeren als Siegfried Matthus. Das Libretto hat sein Sohn Frank nach dem berühmten Roman von Theoder Fontane geschrieben.

Frank Matthus erzählt den Roman in all seinen Stationen als einen unendlichen Szenen-Reigen nach, in kürzest möglicher Form, manche der fast 50 Szenen dauern nur einen Wimpernschlag, andere ein paar kurze Minuten. Wir sind in der Mark und in Pommern, in Venedig und in Berlin.

Wir erleben, wie die lebenslustige 17-jährige Effi mit dem doppelt so alten preußischen Bürokraten Baron von Innstetten verheiratet wird und auf Hochzeitsreise geht. Wie sie auf dem Landgut in Pommern verkümmert und den erotischen Avancen von Major Crampas nicht widerstehen kann. Wie ihr staubtrockner Gatte Karriere macht und – um seinen Ruf zu wahren und den Konventionen zu entsprechen – den Nebenbuhler im Duell erschießt. Wie Ehebrecherin Effi verstoßen wird, in Einsamkeit dahinsiecht und den Tod wie eine Erlösung erwartet. Und natürlich hören wir auch den alten Briest, der auf die Frage seiner Gattin, ob man Effi nicht besser hätte beschützen müssen, den berühmtem Satz sagt: "Das ist ein zu weites Feld".

Frank Matthus hat nichts weggelassen, er benutzt den Roman nicht als Steinbruch für eine eigene Fassung. Er arbeitet keinen einzigen politischen oder psychologischen Aspekt besonders heraus, er klopft die menschenfeindlichen Abgründe der wilhelminischen Gesellschaft und die Konsequenzen einer biedermeierlichen Prüderie nicht auf aktuelle Bezüge oder zeitlose Gegenwärtigkeit hin ab. Das mögen Anhänger der Werk- und Texttreue löblich finden. Man könnte aber auch sagen: Er wagt nichts, er verweigert jede eigene Interpretation des Stoffes, sein Libretto wirft sich unkritisch vor Fontane in den Staub Brandenburgs.

Spiel mit grellem Licht und harten Schatten

Umbau und Kostümwechsel halten sich zum Glück in Grenzen. Die Pausen sind meistens kurz, manchmal fließen die Szenen auch nahtlos ineinander über, nicht immer muss der schwarze Vorhang fallen, manchmal reicht es auch, wenn sich das halbrunde Wandfragment, das die Bühne beherrscht, ein wenig dreht, und einen neuen Raum und eine andere Stimmung eröffnet.

Staatstheater Cottbus: "Effi Briest" mit Andreas Jäpel (Innstetten) sowie (dahinter v.l.n.r.) Nils Stäfe (Wüllersdorf), Thorsten Coers (Buddenbrook) und Martin Shalita (Crampas); © Marlies Kross
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Die Wand ist von der einen Seite weiß und mit Texten aus dem Roman versehen. Wenn wir diese Seite sehen, ist die Stimmung heiter, dann schaukelt Effi ausgelassen, treibt sie mit ihren Freundinnen anzügliche Wortspiele, flirtet mit Liebhaber Crampas und möchte am liebsten die Welt umarmen. Auf der anderen Seite ist die Wand schwarz. Wenn wie diese Seite sehen, geht es deprimierend zu, wird Effi von ihrem Gatten bevormundet und gedemütigt, wird Luftikus Crampas im Duell erschossen, haucht Effi ihr trauriges Leben aus.

Die Schwarz-Weiß-Symbolik, das Spiel mit grellem Licht und harten Schatten, zieht sich durch den ganzen Abend, beherrscht Bühne, Kostüme, Spielweise. Vieles erinnert an expressionistische Stummfilme, an Inszenierungen von Bob Wilson, an Scherenschnitte, eingefrorene Standbein-Spielbein-Posen, übertriebene Gesten, hysterische Grimassen. Für die über 20 Sänger und Darsteller ist es bei der grobkörnigen Ästhetik und den floskelhaft-verknappten Textbrocken nicht leicht, eigene Konturen zu gewinnen, Gedanken und Gefühle zu bewahrheiten.

Für jede menschliche Regung eine musikalische Form

Siegfried Matthus hat auf das literarische Alterswerk von Fontane mit einem musikalischen Alterswerk reagiert. Die Tonsetzung wirkt abgeklärt, manchmal ohrenbetörend schön, dann wieder gänzlich harmlos und beliebig, auch ein wenig langweilig, kitschig und pathetisch. Man spürt deutlich, dass Matthus in seinem langen Komponisten-Leben schon für jede menschliche Regung eine musikalische Form gefunden hat, die er jetzt nur noch einmal neu aufwärmen muss.

Das von Siegfried Matthus favorisierte Serielle und Atonale klingt hier gezügelt und verdaulich und dient dazu, die Atmosphäre und Stimmung zu verdichten und zu bebildern. Wenn Effie ausgelassen schaukelt, flirren die Flöten, wenn Innstetten besserwisserisch bramarbasiert, brummelt der Bass. Wenn Crampas leidenschaftliche Blicke wirft, schunkeln die Geigen, wenn sich Instettten und Crampas zum Duell gegenübertreten, schweigen die Töne, herrscht bis zum finalen Todesschuss vollkommene Stille.

Matthus beherrscht das erhabene Pathos und den süßlichen Kitsch genauso wie die Kraft des Schweigens und die Kunst der Tradition. Deshalb erklingt auch, wenn die frisch vermählte Effi aufgeregt durch Venedig flattert, im Hintergrund ein altes italienisches Volkslied, und wenn‘s ans Sterben und auf den Friedhof geht, hören wir Orgelklänge, die mehr als nur ein bisschen an Bach erinnern.

Kleine Text- und Musik-Häppchen

Sänger und Darsteller versuchen die Quadratur des Kreises, denn sie dürfen nur an kleinen Text- und Musik-Häppchen knabbern. Es wird alles nur kurz angedeutet und kaum eine Figur, kaum eine Handlung, ein Problem, ein Gefühl wirklich ausgedeutet. Es gibt auch keine Melodie, auf der man singend und spielend dahinsegeln könnte, sondern nur kurze musikalische Verdichtungen, die man ein paar Sekunden lang stimmlich und darstellerisch auf den Punkt und zum Klingen bringen muss.

Am besten gelingt das Liudmila Lokaichuk: Sie ist eine erfrischend lebenslustige, betörend liebende und tot-traurig leidende Effi, der wir jedes Wort und jeden Ton abnehmen, die wir so gern vor den mitleidlosen Männern beschützen und vor der hartherzigen Gesellschaft retten würden. Aber das geht nicht, denn Andreas Jäpel als Innstetten ist und bleibt nun einmal ein gnadenlos ignoranter Chauvinist mit einem distanziert-kaltherzigen Bariton.

Tenor Martin Shalita als Crampas kann einem nur leid tun: Bei der Premiere war er indisponiert und durfte seine Effi nur wortlos anschmachten. Am Bühnenrand hatte Jens Klaus Wilde sich mit einem Notenständer aufgebaut und sang, übertrieben laut und leicht verknödelt, was der verstummte Crampas nur slapstickartig auf der Bühne andeuten konnte.

Das war, vor allem bei großem Liebesduett mit Effi, bei dem sich beide erotisch animiert auf dem Boden wälzen, auch mal unfreiwillig komisch. Sei's drum, das Publikum applaudierte zum Schluss höflich, und für den Komponisten gab es sogar stehende Ovationen: Die dürften aber eher seinem beeindruckenden Lebenswerk als dieser doch eher altersmilden Tondichtung gegolten haben. Beim Hinausgehen hatte man die Musik jedenfalls schon wieder vergessen.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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