Camille Saint-Saens: Samson et Dalila | Staatsoper Berlin | © Matthias Baus
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Berliner Staatsoper - Camille Saint-Saens: Samson et Dalila

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Die biblische Geschichte von Samson und Dalila in der musikalischen Version von Saint-Saens ist bis heute ein Hit – das Werk gehört zu den berühmtesten französischen Opern überhaupt. Gesten Abend war Premiere an der Berliner Staatsoper mit Elina Garanca als Dalila und Daniel Barenboim am Pult. 

Wer sich auf einen schön tumultösen Tempeleinsturz gefreut hatte, wurde enttäuscht. Zum Schluss erstarrt das Bühnenbild in zerberstenden Säulen. Der argentinische Regisseur Damian Szifron lässt die Kastrophe am Ende einfrieren wie einen Filmstill. Und das ist sicher kein Zufall, denn dieser Mann ist der gefragteste argentinische Serien- und Kinoregisseur der Gegenwart.

Fast wie zu Meyerbeers Zeiten

Filmmenschen am Opernset? Eigentlich spricht ja nichts dagegen (auch wenn Ausnahmen wie Terry Gilliam die Regel bestätigen), denn die große Oper hat ja durchaus cineastische Züge, genauer: war das Kino des 18. und 19. Jahrhunderts. Szifron hat diese ästhetische Überlegung sehr wörtlich genommen. Man wähnt sich in einem von Verons Pariser Spektakel der 1830er. Optisch hätte fast alles klaglos als Grand opera des frühen neunzehnten Jahrhunderts über die Bühne gehen können. Naja, zugegeben, ein paar Anleihen an King Kong beim abschließenden Bacchanal waren neueren Datums (nämlich 1930er), die Helme der Philister wirkten sogar – zumindest an diesem Abend – abemberaubend modern, nämlich wie Coverphantasien für das Pulp-Magazin "Planet Stories" (1940er). Viel Fels, viel Staub, Dalila hat sich im dritten Akt ein Kostüm von Turandot geborgt. Sonne, Mond und Sterne ziehen wie im Planetarium passend zur musikalischen Stimmung auf.

Sind nun die ständig über das Regietheater grummelden Berliner zufrieden? Sind sie nicht.

Lustigerweise gabs ähnlich wie bei der "Macht des Schicksals" von Castorf an der Deutschen Oper wetteifernde Buhrufer und Bravoschreier; erhitzte Gemüter also auch hier. Zu brav mag Berlin dann auch wieder nicht. Was ich wiederum sehr erfrischend finde – ein Opernregisseur in dieser Stadt kann nichts falsch machen, weil er nichts richtig machen kann. Gebuht wird immer. Nur wer ungeteilten Beifall erhält, sollte sich ernsthaft Sorgen machen.

Seidig, nicht samtig

Es gibt Meister am Pult, da schlägt mein Herz schon beim Anblick des Namens höher: da muss ich hin! Zu Barenboim nicht (mehr). Aber: Der Barenboim-Muffel darf diesmal angenehm enttäuscht nach Hause gehen. Samson kann er! Diese Geschichte vom Fall Israels geht ihm unter die Haut und uns damit auch. Er hat diese Oper unzählige Male dirigiert (und einge Male höchst eindringlich). Auch diesmal wars ein seidiger, aber nie zu üppiger Klangrausch, man ersoff nicht in Samt. Mir manchmal etwas zu wagnerisch, im letzten Akt war mir zu viel Venusberg und zu wenig Batholomäusnacht. Aber insgesamt endlich mal wieder Barenboim und Staatskapalle vom Feinsten. Und Staatsopernchor vom Feinsten! Der hatte viel zu tun, und tat es diesmal mit Bravour.

The Elina Garanca Show

Am meisten zu tun hatte jedoch die Diva. Die Oper hätte auch "The Elina Ganranca-Show" heißen können. Und das zu Recht, denn der Komponist hat fast alle guten Einfälle für diese Rolle verbraten. Ihr Mezzo ist tiefer und etwas körniger geworden, aber interessanterweise wird die Stimme von Pauline Viardot, für den Saint-Saens die Rolle konzipiert hat, genauso beschrieben. Und somit stimmts. Ach, diese kehlige vokale Verführungsorgie des zweiten Aktes wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben, eine der Sternstunden meines Opernjahres 2019. Da konnte selbst der großartige Bariton Michael Volle als Oberpriester (Chapeau!) nicht ganz mithalten, wohl aber den Garanca-Effekt verstärken in einem monströs gut gesungenen Duett. Samson alias Brandon Jovanovich hat mich nicht restlos überzeugt, vielleicht weil er seine Kraft für den letzten Akt aufgespart hat (in dem er fabelhaft sang). In den vorausgehenden Liebeszenen war er mir zu lyrisch und hauchig, und zur Strafe wurde er dann auch von der übermächtigen Garanca zum Dessert verspeist.

Kurz: Die Regie mag (im wörtlichen wie übertragenen Sinne) verstaubt sein, aber wenigstens inszeniert hier mal wieder einer das Werk und nicht sich selbst (was in Berlin fast schon wieder exotisch ist). Dass man sich erst durch den grauen Breiberg des ersten Aktes fressen muss, bis man im Schlaraffenland des Zweiten anlangt, das liegt auch am Komponisten. Was solls – man geht ja eigentlich auch wegen des Zweiten hin. Und das sollte man in diesem Fall auch dringenst tun. 

Matthias Käther, rbbKultur

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