Deutsche Oper Berlin: "Heart Chamber", Regie: Claus Guth, Uraufführung am 15. Novemberi 2019; hier: Patrizia Ciofi (Sie); © Michael Trippel/DOB
Michael Trippel/DOB
Bild: Michael Trippel/DOB Download (mp3, 4 MB)

Deutsche Oper Berlin - "Heart Chamber"

Bewertung:

Eine Oper über die Liebe wollte die israelisch-amerikanische Komponistin Chaya Chernowin komponieren. Herausgekommen sind Fragmente einer Sprache der Liebe. Genauer: einer Fremdsprache.

So richtig kommen die beiden, die sich da paartherapeutisch auf Stühlen nebeneinander gesetzt haben, nicht zusammen. Sie begegnen einander, verfehlen einander. Anständiger Applaus, von ein paar ehrenwerten Buhs untermischt, quittiert einen Abend, bei dem man nach 90 Minuten wieder draußen ist.

Claus Guth als Regisseur ist zweifellos erste Wahl. Er hat schon mehr von Czernowin inszeniert, an der Berliner Staatsoper außerdem zuletzt "Violetter Schnee" (von Beat Furrer). Ganz so aufwendig wird's diesmal nicht. Die übliche Drehbühne (seines Bühnenbildners Christian Schmidt) zeigt eine monumentale Bungalow-Zieharmonikafront mit Freitreppe. Da Guth abstrakte Vorgänge nach Möglichkeit zu rekonkretisieren versucht, bekommt jede noch so kleine Handlungsandeutung des nur sieben Seiten umfassenden Librettos eine echte Szene, gern auch ein Video von der Wilmersdorfer Straße.

Der Text der Komponistin wirkt eher wie ein nachgelassenes Bruchstück von Ronald D. Laing, dem Klassiker der Antipsychiatrie und Gelegenheitsdramatiker. Aussehen tut das, als hätte David Lynch ein Paar Szenenentwürfe von Woody Allen inszeniert.

Deutsche Oper Berlin: "Heart Chamber", Regie: Claus Guth, Uraufführung am 15. Novemberi 2019; hier: Dietrich Henschel (Er), Noa Frenkel (Ihre innere Stimme); © Michael Trippel/DOB
Bild: Michael Trippel/DOB

Sehr sinnig, sehr schön

Sängerisch macht Patricia Ciofi weit größeren Eindruck als ihr Partner Dietrich Henschel. Wohl deswegen, weil Ciofi als Neue-Musik-Novizin jede noch so gehechelte oder geseufzte Girlande singt, als sei es eine melodische Belcanto-Preziose. Sehr sinnig, sehr schön. Beiden Protagonisten sind innere Stimmen zur Seite gestellt (was nicht neu ist). Im Fall des Mannes von Seiten des Countertenors Terry Wey. Die Sänger werden verstärkt, was mitsamt dem Elektronik-Ensemble, das links und rechts in durchsichtigen Containern untergebracht ist, einen einlullenden Effekt von milder Suggestivität ergibt.

Czernowin folgt noch recht treu der elektronischen Schule Darmstädter Provenienz. Viel wird geschabt, geraspelt oder lachenmannisch gegen den Strich gebürstet. Das alles ist sehr professionell gemacht. Und mit Johannes Kalitzke steht der wichtigste Czernowin-Dirigent der Gegenwart im Graben.

Alles und nichts

Wenn man doch nicht so richtig reinkommt oder vom Hocker gehauen wird, liegt dass daran, dass Czernowins Fragment-Ästhetik, textlich wie musikalisch, eine zu willkommene Projektionsfläche für alles und nichts darstellt. Es wird Englisch gesungen, aber es ist schlechtes Englisch. Man tut, als sei die Beobachtung, dass die Liebe so ihre Tücken habe, eine brandneue Erkenntnis.

Bitter zu sehen (und zu sagen), dass endlich einmal ein Kompositionsauftrag an eine nicht unbedeutende Komponistin der Gegenwart vergeben wurde. Und dass diese hier mit den Schwergewichten Neuer Oper, die es in den vergangenen Jahren in Berlin gab (Widmann, Glanert, Rihm, Reimann etc.) nicht mithält, weil jene einfach viel weiter und anspruchsvoller ausgeholt hatten.

Für mich ein Nümmerchen zu klein, das Ganze. Böser gesagt: Knapp über der Nachweisbarkeitsgrenze.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Komische Oper Berlin: "La Traviata" © Iko Freese / drama-berlin.de
Iko Freese / drama-berlin.de

Komische Oper Berlin - "La Traviata"

In Verdis "La Traviata" nach dem Bestseller "Die Kameliendame" von Alexandre Dumas jr. geht es um Liebe, Leiden und Tod. Die Regisseurin Nicola Raab hat das berühmte Seelendrama an der Komischen Oper neu interpretiert.

Download (mp3, 4 MB)
Bewertung:
Lazarus - Lonely Child © Stefan Gloede
Stefan Gloede

Potsdamer Winteroper - "Lazarus - Lonely Child"

Seit vielen Jahren produzieren die Kammerakademie Potsdam und das Hans Otto Theater die "Potsdamer Winteroper". In diesem Jahr mit geistlichem Musiktheater von Franz Schubert und Claude Vivier ...

Bewertung: