Lazarus - Lonely Child © Stefan Gloede
Bild: Stefan Gloede

Potsdamer Winteroper - "Lazarus - Lonely Child"

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Seit vielen Jahren produzieren die Kammerakademie Potsdam und das Hans Otto Theater die "Potsdamer Winteroper". In diesem Jahr mit geistlichem Musiktheater von Franz Schubert und Claude Vivier ...

"Lazarus", ein astreines Konzertstück, war 1820 Schuberts Vorstoß ins Gebiet des geistlichen Oratoriums. Die Episode der Auferweckung stammt aus dem Johannes-Evangelium, bricht allerdings bei Schubert schon vor dieser Auferstehung ab. Er hatte aufgegeben. So sehen wir hier nicht mehr als eine kleine Gesellschaft, die sich um ein Sterbebett versammelt hat. Eindringlich genug. Tatsächlich haben sich schon bedeutende Leute wie etwa der Dirigent Nikolaus Harnoncourt für dies Fragment interessiert. Auch bei der Potsdamer Winteroper geht das Werk wohl auf einen Wunsch des Dirigenten Trevor Pinnock zurück. Dass man es mit einem Sopran-Monolog des kanadischen Komponisten Claude Vivier zusammenspannt, gleicht eher dem alibihaften Versuch, zwei halbe Sache rund zu machen.

Sehr gut besetzt

Regisseur Frederic Wake-Walker gilt als große Nummer innerhalb der jüngeren Generation der Opernregie, und hat schon letztes Jahr beim DSO für die halbszenische Einrichtung des "Messias" in der Philharmonie gesorgt. Geschmackssicher geht er vor. Im Hauptschiff der Friedenskirche sitzen wir um einen erhöhten Bühnen-Baldachin herum. Ein Himmelbett mit Sterbebett. Personenregie ist Wake-Walkers Sache nicht, die Darsteller kommen selten aus einer windschiefen Diagonale heraus. Wie er darauf verfallen ist, im Schlaf- und Trostlied "Lonely Child" von Vivier die Vollendung des Auferstehungsdramas zu erblicken, ist mir nicht erfindlich. Das Kind am Ende erscheint eher wie Gottfried, der Herrscher von Brabant im "Lohengrin". Da muss irgendetwas durcheinander geraten sein.

Pinnock hat mit Tenor Toby Spence einen prominenten Protagonisten des "Lazarus" mitgebracht. Die Rolle ist nicht groß. Mit seinen sehr britischen, in die Kehle gerutschten Nasalen wirkt Spence eher weniger idiomatisch. Überhaupt wird zwar in der jeweiligen "Originalsprache" gesungen; über längere Strecken wird aber nicht klar, welche das sein mag. Die Aufführung ist sehr gut besetzt, vor allem in Gestalt der jungen, litauischen Sopranistin Lauryna Bendžiūnaitė (als Jemina). Sie klingt fast wie eine wiederauferstandene Lucia Popp. Womit wir doch noch unsere Wiedererweckung hätten.

Lazarus - Lonely Child © Beate Waetzel
Bild: Beate Waetzel

Eiklar, nahrhaft, niemals fett

Trevor Pinnock, eine durchaus luxuriöse Personalie, pflegt mit der – vorzüglich aufgestellten – Kammerakademie Potsdam einen eiklaren, nahrhaften, aber niemals fetten Klang. Pinnock ist lockerer geworden (in der Alten Musik, wo er herkommt, war er früher immer etwas hüftsteif). Auch dass er sich auf den Zwanzigminüter von Claude Vivier eingelassen hat, spricht für ihn. Der Hinweis auf diesen 1983 ermordeten Komponisten mag durchaus ernstzunehmen sein. Ob allerdings mit diesem nach Ravel und Messiaen klingenden Werk (obwohl Vivier Schüler von Stockhausen war), weiß ich nicht so recht.

Lazarus - Lonely Child © Stefan Gloede
Bild: Stefan Gloede

Nicht genug

Mit 90 Minuten Dauer und zwei kaum eigenständigen Werken steht der Abend auf zu schwachen Füßen da. Die Künstler sind sehr gut, ebenso die zwischen Nazarenern und Stanley Kubrick oszillierenden Kostüme. Zwei Nichtigkeiten indes ergeben noch kein Etwas. Das Interesse an Schubert, obwohl dieser hier einige herrliche Bläserstellen komponiert hat, scheint mir zu musikwissenschaftlich motiviert. Gröber gesagt: Was geht mich das an, wenn Trevor Pinnock das Werk dirigieren möchte? – Zu wenig ist immer noch nicht genug.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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