Konzerthaus Berlin: Iván Fischer, Dirigent
Marco Borggreve
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Konzerthaus Berlin - Konzerthausorchester und Collegium Vocale Gent mit Brahms

Bewertung:

Johannes Brahms hat großartig für Chor komponiert – als Chorleiter, der er auch war, wusste er, wie man das macht. So war es eine schöne Idee, einmal ein solches Programm zusammenzustellen. Enttäuschend war dann hingegen das musikalische Ergebnis.

Seit einiger Zeit bereits liegt es im Trend, dass sich Originalklangensembles immer weiter in die Romantik vorwagen. Das ist bei Johannes Brahms auch durchaus sinnvoll – wenn man seine Musik nicht, wie oft, massiv und dick, sondern schlank und durchhörbar interpretiert. Das Collegium Vocale Gent ist eines der renommiertesten Vokalensembles für historisch informierte Aufführungspraxis. Und so war man gespannt, was sie aus Brahms machen.

Das technische Niveau des Chores ist beeindruckend, da ist jeder Konsonant zusammen. Klanglich hat es etwas von kaltem Quellwasser – unglaublich klar, von reinster Qualität, dazu komlett unsentimental, eher von der Struktur der Musik her denkend. Jede Geste ist gut zu verstehen, die gewaltigen Ausbrüche kommen auf den Punkt. Das wirkt jedoch manchmal auch ziemlich berechnend, es fehlte die Wärme. Vor der Leistung hatte man Respekt, aber innerlich hat es ziemlich kalt gelassen.

Die Akustik im Konzerthaus

Wenn man Brahms zu neutralisiert aufführt, hört man, wie kunstfertig das alles gesetzt ist. Es verschwindet jedoch auch die tiefromantische Melancholie, der sensible Kern unter der harten Schale – was für Brahms als Person wie für seine Musik gilt.

Dies hörbar zu machen, hätte man dem Collegium Vocale Gent durchaus zugetraut, allerdings kam das Ensemble mit der heiklen Akustik im Konzerthaus nicht gut zurecht. Bei den kräftigen Stellen klirrte es in den Ohren, da war offenkundig nicht genügend Zeit, um auszuprobieren, wie weit man dynamisch gehen kann.

Nun ist Iván Fischer auch kein wirklich guter Chordirigent. So sachlich, wie er die Gesänge für Frauenchor, zwei Hörner und Harfe durchtaktiert hat, musste man sich nicht über das wenig inspirierte Ergebnis wundern.

Kein Schauer

Fehlte vielleicht auch für die Interpretation ausreichend Probenzeit? Da kam ein Detail nach dem anderen. Der Gehalt der Musik, die Textausdeutung blieb auf der Strecke. Wo Brahms Reizwörter wie Weinen, Sterben, Schweigen oder das Heulen der Hunde in seine Musik hörbar übernimmt, vermittelte sich dergleichen kaum. Denkt man daran, wie etwa der RIAS Kammerchor das singt, läuft einem ein wohliger Schauer den Rücken herunter. Beim Collegium Vocale Gent hat einen das hingegen alles nicht interessiert.

Deutlich wurde noch einmal: So schön die Chorwerke von Brahms sind, so aufwändig wollen sie auch erarbeitet werden. Brahms war selbst einige Zeit Chorleiter und wusste um die Geheimnisse guter Chormusik. Aber mit der heißen Nadel gestrickt, funktioniert das eben nicht.

Ein ähnliches Bild gab auch das Zusammenwirken zwischen Chor und Orchester. Da war zu wenig aufeinander abgestimmt, keine wirkliche Balance erarbeitet.

Details über Details

In die Haydn-Variationen von Brahms hat Iván Fischer hörbar mehr Probenzeit investiert, nur kann der Dirigent manchmal auch ziemlich pedantisch sein. Das ist immer dann ein Vorteil, wenn er gezielt an Details feilt und Kleinigkeiten blankputzt. Auch hier konnte man sich an schönen Momenten erfreuen, da gab es eine besonders abgefederte Verzögerung oder ein hinreißend berührendes Oboensolo.

Allerdings wollten diese Einzelheiten nicht zueinander finden. Hinzu kam das schleppende Tempo, das Spiel mit angezogener Handbremse. Iván Fischer führte sein Orchester an der kurzen Leine und ließ es so kaum zum Atmen kommen, geschweige denn zum Fließen. Und auch die Ungarischen Tänze machen, so breit und verklebt gespielt, keinen Spaß.

Ein konzeptionell schönes, originelles, gut durchdachtes Brahms-Programm – vom klanglich-interpretatorischen Ergebnis her jedoch eine große Enttäuschung.

Andreas Göbel, rbbKultur

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