Konzerthaus Berlin: Iceland Symphony Orchestra und Vikingur Olafsson; © Markus Werner
Markus Werner
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Konzerthaus Berlin - Sound of Iceland

Bewertung:

Zum Abschluss des Islandfests am Konzerthaus Berlin gastierte das Iceland Symphony Orchestra zusammen mit dem derzeitigen Artist in Residence am Konzerthaus, Víkingur Ólafsson.

Ein vergleichsweise junges Orchester ist das Iceland Symphony Orchestra, das im kommenden Jahr "erst" 70 Jahre alt wird. Es gilt als Nationalorchester des Landes, und immerhin hat man mit Vladimir Ashkenazy einen recht prominenten Ehrendirigenten. Ashkenazy war ja mal Chef beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin. Auf jeden Fall ist dieses Orchester ein wichtiger musikalischer Exportartikel.

Solide

Berlin ist als Konzertort ein besonderes Pflaster. Da beklagt man gerne einmal, dass es hier so wenige internationale Orchester-Gastspiele gibt. Andererseits bemerkt man dann ziemlich schnell, wie einmalig gut die hiesigen sieben Sinfonie- und Opernorchester sind. Das Iceland Symphony Orchestra spielt durchaus nicht schlecht, sehr solide sogar. Und mit Daníel Bjarnason hat man einen engagierten Dirigenten, der die Werke gut erarbeitet.

Sehr detailreich zeigt sich die fünfte Sinfonie von Jean Sibelius, die Streicher voller Wärme, die Bläser vielleicht etwas zu pauschal und zu laut. Und doch merkt man bald den Unterschied, wenn man etwa an den Sibelius-Zyklus der Berliner Philharmoniker denkt. Während es da gewissermaßen vom Boden abhob, bleibt es hier doch allzu schwer und gummiartig.

Klangflächenstück

Das Iceland Symphony Orchestra brachte dann auch neue Musik aus seinem Land mit, darunter ein Werk von Anna Thorvaldsdóttir. "Aeriality" ist fast schon klischeehaft "isländisch", recht archaisch, mit massiven Klangflächen, die monolithenhaft im Raum stehen und sich schichtenweise verändern. Handwerklich ist das sehr gut gemacht.

Eine Stelle wird plötzlich ganz tonal – das wirkt wie eine Fernsehwerbung mit einer weiten Landschaft für – was auch immer. Alles ganz schön, nur: Solche Klangflächenstücke gibt es inzwischen dutzendweise. Nach einer Viertelstunde hat man das auch schon wieder vergessen.

Filmmusikklavierkonzert

Daníel Bjarnason ist nicht nur erster Gastdirigent des Iceland Symphony Orchestra, sondern auch Komponist, und so stand auch sein Klavierkonzert "Processions" auf dem Programm. Er hat bereits sehr erfolgreich Filmmusik geschrieben und weiß, wie man so etwas macht, vor allem wie stilistisch vielseitig man komponieren können muss.

Das kann er auch, und das macht er auch. Das frühe 20. Jahrhundert stand Pate: etwas Rachmaninow, etwas Ravel. Dazu krachende Ausbrüche und dann wieder sanfteste Melodien, die für jede Hollywood-Liebesszene passen würde. Nichts dagegen, solches Material zu verwenden, aber es entsteht nichts Neues daraus, sondern das alles wird nur aneinander gereiht. So ein Patchwork-Zitaten-Mischmasch ist oberflächlich ganz nett, über eine halbe Stunde aber dann doch recht langweilig.

Víkingur Ólafsson; © Ari Magg
Bild: Ari Magg

Anschlags-Zauberer

Víkingur Ólafsson hat einen traumhaften Anschlag, egal ob er Bach oder Glass spielt. Dieses Klavierkonzert hat Bjarnason für Ólafsson geschrieben, und wohl nur weil er in dieser Spielzeit Artist in Residence am Konzerthaus ist, kam das jetzt zur Aufführung. Ólafsson macht das Beste daraus. Aber warum hat der Komponist die technisch schwersten Stellen so überinstrumentiert, dass man zwar sieht, wie Ólafsson auf den Tasten arbeitet, aber kaum einen Ton hört?!

Den wunderbaren Pianisten Víkingur Ólafsson konnte man in zwei Zugaben bewundern, darunter ein Bach-Präludium in der Bearbeitung von Alexander Siloti. Wie da auf zwei Ebenen eine intensive Melodie und Figuren in ganz weiter Entfernung aufeinander trafen, war große Kunst. Diese drei Minuten haben den Besuch dieses Konzerts gelohnt.

Andreas Göbel, rbbKultur

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