Christoph Eschenbach; Foto: Gregor Baron
Gregor Baron
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Konzerthaus Berlin - Konzerthausorchester Berlin | Christoph Eschenbach

Bewertung:

Zwei Standardwerke der klassischen Musik – wie man sie schöner nicht spielen kann. Víkingur Ólafsson berührt mit Grieg – und Christoph Eschenbach ist als neuer Chef des Konzerthausorchesters so richtig angekommen.

Das war zunächst anders geplant: Eigentlich war ein Stück für Klavier und Orchester des britischen Zeitgenossen Thomas Adès geplant. Das wäre sicher sehr spektakulär geworden – Adès verlangt hier sogar noch Video.

Dennoch war es keine schlechte Entscheidung, statt dessen auf das oft gespielte Klavierkonzert von Edvard Grieg zurückzugreifen. Da Víkingur Ólafsson, derzeit Artist in Residence am Konzerthaus, ohnehin gerne ausgefallenere Sachen spielt, war das mal eine gute Gelegenheit, seine Interpretation eines Standardwerks vergleichen zu können.

Gute Stoßdämpfer

Klar vorweg: Víkingur Ólafsson kann jedem Vergleich standhalten. Er weiß genau: Dieses Grieg-Klavierkonzert ist kein Boden für exzentrische Neudeutungen, daneben auch kein Virtuosenkracher – technisch muss man sich davor nicht fürchten. Aber er steht hörbar hinter dieser Musik, behandelt sie geradezu liebevoll.

Spielen kann er das alles, aber er legt sein Augenmerk auf die vielen Details. Ólafsson ist ein Meister der abgefederten Überleitungen. Wo sonst ein Gedanke gerne mal auf den anderen stößt, bremst er das wunderbar aus. Die Stoßdämpfer funktionieren, aber es gelingt ihm auch, dass dieses vielgespielte Stück noch einmal ganz neu berührt.

Herz in den Fingern

Víkingur Ólafsson behauptet nicht, gleich alles über das Werk zu wissen. Gerade im langsamen Satz klingt es oft wie eine Improvisation. Es scheint ihn selbst tief zu berühren, da ist jedes Details im Fokus. Das ist ein Erzählen, oft ein Singen am Klavier. Er trägt sein Herz nicht auf der Zunge, aber durchaus in seinen Fingern. Man glaubt ihm alles, was er spielt. Ein Nachdenken über Musik, ein Nachdenken mit seinen Hörer*innen zusammen, sehr nahe, ehrlich und offen.

Víkingur Ólafsson ist kein Blender, kein Showstar. Er wird nie ein Lang Lang werden. Und das ist durchaus als Kompliment gemeint.

Orchester-Biotop

Christoph Eschenbach ist da am Pult des Konzerthausorchesters ein grandioser Begleiter. Er schätzt das Prachtvolle und Voluminöse an der Musik, kann dieses aber sofort in den Hintergrund treten lassen, wenn er den Solisten begleitet. Dann setzt er im Detail kleine Akzente, ein Hornsolo etwa, das man kaum einmal so intensiv gehört hat.

Eschenbach will nichts mit der Brechstange, er trägt den Solisten behutsam auf den Klängen. Das ist im Orchester ein Wachsen und Entstehen, ein klangliches Biotop, das einfach da ist, ohne sich in den Vordergrund zu spielen. Einen solchen Dirigenten kann sich jeder Solist nur wünschen.

Altmodisch, aber konsequent

Bei der Aufstellung für die erste Sinfonie von Johannes Brahms hat man erst einmal die Luft angehalten – angesichts dieser gigantischen Streicherbesetzung. Das hat man vielleicht vor dreißig und vierzig Jahren so gespielt, unter Karajan oder Maazel. Frage: Wird das nicht automatisch fett, schwer und klebrig im Ton? Antwort: bei Eschenbach – nein! Natürlich interessiert sich Christoph Eschenbach kein Stück für so genannte Historische Aufführungspraxis. Er seziert nichts, bürstet nichts gegen den Strich. Das ist altmodisch, aber konsequent.

Ein schwerer Orchesterklang zieht sich durch den Beginn, ziemlich hochprozentig, geradezu die Stimmen aus sich selbst herausschraubend. Christoph Eschenbach macht unmissverständlich klar: Das ist ein, großes, ernsthaftes, gewichtiges und zentrales Werk. Da bleibt man beim Sie. Aber er kann das eben auch beglaubigen. Die Emotionen sind vorhanden, leidenschaftlich – auch hier: durchaus liebevoll. Da blitzt im ersten Satz Helligkeit ins Düstere, das Violinsolo im langsamen Satz ist konfekthaft süß und erlesen, das Ende so erhaben, dass man eigentlich nur mitjubeln kann.

Konzerthausorchester in Bestform

Da muss ein Orchester erst einmal auch mithalten können bei einer so fordernden Interpretation. Und an diesem Abend konnte und wollte das Konzerthausorchester das auch unbedingt. Lange war das Orchester nicht mehr so gut zu hören. Die Leidenschaft des Dirigenten hat sich übertragen. Alle, wirklich alle haben sich mit Furor hineingestürzt. Eine Geschlossenheit, da war nahezu nichts verwackelt.

Das Orchester schien diese Erhabenheit, ja: Schönheit, die Eschenbach fordert, verinnerlicht zu haben. Wo etwa im Finale das Alphornmotiv erklingt, scheint es kilometerweit von Gipfel zu Gipfel zu tönen. Nur ein Beispiel von vielen. Hier hat sich das Orchester selbst übertroffen. Und ganz offenkundig ist man mit diesem Chefdirigenten – wenigstens im Moment – so richtig glücklich und zufrieden.

Andreas Göbel, rbbKultur

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