Jan Lisiecki © Peter Rigaud
Peter Rigaud
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Philharmonie Berlin - Orpheus Chamber Orchestra mit Jan Lisiecki

Bewertung:

Ein poetisches, ausgereiftes Spiel - das wird Jan Lisiecki bescheinigt. Der 24 Jahre alte Pianist ist international bekannt, anerkannt und ausgezeichnet. Jetzt hat er mit dem  Orpheus Chamber Orchestra in der Philharmonie Berlin gespielt.

Dirigenten werden überschätzt. Dass es oft auch ohne geht, beweist z. B. die Potsdamer Kammerakademie und das Orpheus Chamber Orchestra aus New York. Allerdings mit wechselndem Erfolg. Als Kammerbesetzung funktioniert Beethovens 1. Sinfonie sehr gut, faszinierend ist das wirklich vollkommen synchrone Spiel des Orchesters. Viel wurde am Detail gefeilt, das ist hörbar. Allerdings irritiert zunehmend, dass hier sehr kleinteilig gespielt wird und kaum große Linien entstehen wollen. vieles ist schematisch. Im 1. Satz wird es geradezu militärisch, was noch ungut in Mendelssohns "Italienischer" auffallen wird.

Klare, perlende, virtuose Läufe

Jan Lisiecki wird hoch gehandelt, mit 24 Jahren in der Reihe "Meisterkonzerte" geführt. Gelobt wird von der Kritik sein "geistreiches" oder "tiefgründiges" Spiel. Davon ist er nicht nur an diesem Abend doch ein großes Stück entfernt. In Mendelssohns selten zu hörendem g-Moll Klavierkonzert geht es erst mal sehr stürmisch zu. Der Pianist kommt schon nach wenigen Takten ins Spiel. Allerdings sollte dies nicht so selbstverständlich und ohne Punkt und Komma passieren, es ist ja eine Überraschung, der Einsatz fast improvisando. Die lyrische, poetische Dimension fehlt in Lisieckis Interpretation fast völlig. Im langsamen Teil kommt dann eine gravierende Schwäche hinzu, nämlich mangelnde Melodik mit Projektion. Die Töne erreichen nach kurzer Zeit nicht mehr den folgenden Ton, das legato bleibt blass und mehr gewollt als erklungen. Dafür besticht Lisiecki durch sehr durchsichtige, klare, perlende, sehr virtuose Läufe. Im letzten Satz gewinnen sie mehr musikalisch agogische Kontur. Ganz unterbelichtet bleibt die linke Hand, die bei Begleitfiguren völlig schematisch agiert. Ein sehr guter Unterricht könnte hier helfen, aber dazu ist es vermutlich zu spät.

Kleinteilig

Leider bleibt dann auch die Italienische Sinfonie Mendelssohns im kleinteiligen, ja völlig verfestigten Zugriff stecken. Nur der dritte Satz fängt plötzlich an zu singen. Fast ist man versucht zu sagen: eine teutonische Sicht auf Italien. Man wünscht sich auch: einen Dirigenten oder Dirigentin.

Clemens Goldberg rbbKultur

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