Staatsoper: Il primo omicidio; hier: Olivia Vermeulen (Abel), Kristina Hammarström (Cain) und Arttu Kataja (Stimme von Luzifer); © Monika Rittershaus
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Staatsoper Unter den Linden Berlin - "Il Primo Omicidio"

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Alessandro Scarlatti gilt mit seinem vielfältigen Werk als wegweisender Reformer der Barockmusik. Im Rahmen der Barocktage ist nun sein Oratorium "Il Primo Omicidio" über den ersten, biblisch verbürgten Brudermord von Kain an Abel zu erleben.

Gehört Scarlattis Oratorium über "Il Primo Omicidio" auf eine große Berliner Opern-Bühne? Klare Antwort meinerseits: Nein. Jedenfalls nicht, wenn man bedenkt, dass von den nominell 115 Opern dieses wichtigen Opernkomponisten mehr überlebt hat als die gerade mal eine Oper, die sich bislang nach Berlin verirrte ("Griselda" vor vielen Jahren). Dann nicht, wenn man bedenkt, dass René Jacobs "Il primo omicidio" sogar schon einmal auf CD eingespielt hat. Und erst recht nicht, insofern das Werk unter dem Alternativ-Titel "Cain und Abel" vor vier Jahren an der Winteroper Potsdam zu sehen war. Übrigens sehr schön.

Ich gebe zu, dass der Eindruck jetzt ein anderer, gleichfalls guter war. Was nicht zuletzt daran liegt, dass Romeo Castellucci den meditativen, oratorienhaften Zügen szenisch nachhört. Die Regie muss es richten.

Was soll es bedeuten?

Meinen Segen hat sie. Romeo Castellucci gilt als einer der kultisch umwölktesten Opernregisseure der Gegenwart. Nicht erst seit seiner triumphalen "Salome" letztes Jahr in Salzburg. Vor der Pause nun: viel schaukelnde Geometrie hinter einer Milchglasscheibe. Sich senkende Lichtbalken, davor feierliche, halbkonzertante Gesten. Tendiert zum Lichtkunstwerk.

Nach der Pause dann, ab dem Mord Cains an Abel, lässt Castellucci die Handlung von Kindern spielen – und mit geöffneten Mündern auch agieren, fast so als befänden wir uns in einer Opern-Miniplaybackshow. Die Sänger stehen dazu synchron im Graben. Das erweist sich als – für mich – erstaunlich ingeniöser, überraschend sinniger Einfall. Und zwar, weil Castellucci das Verbrechen so als unschuldigen, naiven Gründungsmord ausgeben kann. Auf welchem, seiner Ansicht nach, all unsere Zivilisation basiert.

Alles spielt nun auf der Heide (man könnte auch "König Lear" drin spielen). Freilich: Noch an der Bushaltestelle hörte ich etliche Besucher darüber rätseln, was das Ganze denn bitteschön zu bedeuten habe. Vielleicht nicht der allerschlechteste Effekt.

Staatsoper: Il primo omicidio; hier: Kristina Hammarström (Cain); © Monika Rittershaus
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Berührende Mordszene

René Jacobs' auch hier zu beobachtende Star-Abstinenz in Bezug auf Sänger halte ich im Allgemeinen für nicht unproblematisch. In diesem Fall klingt Thomas Walker (Adam) anfangs feucht belegt, Birgitte Christensen singt eine perlmuttfarbene Eva. Nach der Pause für mich berührend, wie weichstimmig, geradezu idyllisch Kristine Hammarström (Cain) und Olivia Vermeulen (Abel) die Mordszene angehen.

Tatsächlich hat Scarlatti hier ein geradezu pastorales Arkadien komponiert, womit er die Szene bereits positiv deutet (gemeint ist: Im Mord erkennen wir uns als fehlbare, erlösungsbedürftige Kreaturen). Da passt eins zum anderen. Benno Schachtner als Stimme Gottes klingt so sehr wie ein jüngerer René Jacobs (als der noch Countertenor war), dass man zur Aufklärung dieser Besetzungsentscheidung keinerlei Psychologen braucht.

Der Klang Scarlattis wird unterstrichen

René Jacobs dirigierte bislang bekanntlich so, als hänge er nasse Wäsche zum Trocknen auf. Hier nicht. Seine Entscheidung fürs B*Rock Orchestra, das schon bei der Pariser Premiere im Graben saß, scheint mir nicht überzeugend. Es klingt verwaschener, flügellahmer als die früher gern gesehenen Ensembles aus Berlin und Freiburg. Gewiss, der ganz andere Klang Scarlattis wird so unterstrichen (insofern also doch vertretbar).

Im Unterschied zum bauschigen, bauchigen Händel klingt Scarlatti (Vater) viel schütterer, durchlässiger, geröllhaft herber. Verwüsteter sozusagen. In Potsdam damals wirkte alles leichter, flockiger, auch weniger existenziell. Der Abend, der unter drei Stunden dauert, hat trotzdem Längen. Für Castellucci wohl kaum mehr als eine feierliche Petitesse. Wegen Scarlatti aber, teilweise auch wegen Castellucci, lohnt sich's.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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Monika Rittershaus

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