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Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin - vision string quartet

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Der Primarius ist krank, aber kein Problem für das vision string quartet: Vineta Sareika vom Artemis Quartett springt ein. Und so gibt es zwar keinen Jazz und keinen Pop, dafür aber ein traumhaft gespieltes d-Moll-Quartett von Schubert.

Das vision string quartet ist ein Phänomen. Sieben Jahre spielen sie erst zusammen, und wo man eigentlich erst nach zehn Jahren einem Streichquartett attestieren kann, wirklich zueinander gefunden zu haben, ist das bei denen schon so atemberaubend gut, man will es manchmal kaum glauben.

Ihr Markenzeichen: Sie spielen auswendig. Nun sollte in einer festen Quartettformation jeder seine Stimme schon kennen, aber die Noten wegzulassen, ist dann doch ein Signal, dass man es wirklich drauf hat.

Hinzu kommt das Repertoire des Quartetts: Neben den üblichen klassischen Stücken spielen sie gerne auch mal eine Hälfte mit eigenen Arrangements von Jazz- und Poptiteln. Das ist bei einem Streichquartett nahezu einmalig.

Alles anders

Nun gab das vision string quartet sein Debüt in der Kammermusikreihe der Berliner Philharmoniker, und ausgerechnet jetzt musste der Primarius Jakob Encke krank werden. Mutige Entscheidung: Vineta Sareika, Primaria beim Artemis Quartett, sprang ein. Und das funktionierte bestens – das vision string quartet hat beim Artemis Quartett studiert, da gibt es eine gewisse ästhetische Nähe.

Zwei Konsequenzen hatte das allerdings: Es standen Notenständer auf der Bühne. Das Artemis Quartett spielt nicht auswendig, und so haben sich die anderen drei aus Solidarität auch Noten hingestellt, obwohl im Grunde niemand hingeschaut hat. Dazu musste der angekündigte Jazz- und Popteil ausfallen. So etwas geht wirklich nur, wenn alle vier dabei sind mit diesem Spezialrepertoire. Aber so bekam das Publikum noch einen Schubert-Klassiker nach der Pause.

Verschworene Gemeinschaft

Ein solches Zusammenspiel ist nahezu einzigartig. Da ist das Auswendigspiel kein Selbstzweck. Faszinierend dabei: der 2. Geiger Daniel Stoll. Entweder hatte er ganz seinen Blick auf die erste Geige gerichtet, wenn es gemeinsame Strukturen gab – oder wenn die erste Geige die Melodie hatte, war er mit den anderen dreien zusammen wie in einer verschworenen Gemeinschaft.

Wie eigenständig das vision string quartet inzwischen ist, zeigte sich in Mendelssohns a-Moll-Quartett. Da merkte man die Artemis-Schule, also den radikalen Ausdruck, bei dem Emotion wichtiger ist als Schönklang. Da war manches ins Extrem getrieben, aber dann war doch jeder Ton von abgerundeter Schönheit, das hat gewissermaßen von innen geleuchtet.

Klassische Moderne

Etwas zu entdecken gab es auch: das vierte Streichquartett der polnischen Komponistin Grażyna Bacewicz. Das ist klassische Moderne. Sie war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine wichtige Komponistin ihres Landes, hat dann aber die Nachkriegsavantgarde nicht mehr mitgemacht und ist ziemlich in Vergessenheit geraten.

Das ist aber auch ein Kennzeichen des vision string quartet, auch mal eine solche Rarität zu präsentieren. So kann man das auch spielen: voller Freundlichkeit, Wärme und Melancholie.

Der Konkurrenz standgehalten

Wer Franz Schuberts Streichquartett "Der Tod und das Mädchen" auf das Programm setzt, muss wissen, welcher Konkurrenz er sich da aussetzt. Das vision string quartet kann dem mühelos standhalten. Aus zwei Gründen:

Hier zahlt sich aus, dass die vier gerne auch mal Jazz, Pop und Rock spielen, also Musik mit explizit rhythmischer Komponente. Und da wurde auf einmal klar, wie viele vom Rhythmus gedachte Muster Schuberts Quartett verwendet. Das war so computergenau zusammen, dass es einen buchstäblich in den Sitz drückte.

Gleichzeitig präsent waren jedoch auch Melodien, sanfte Farben, teilweise so körperlos leise, dass es wie kilometerweit entfernt wirkte, dann aber in einer Steigerung heranrückend, dass man fast erdrückt wurde. So herausfordernd, von emotionaler Kraft hat man das selten einmal gehört. Alles gewagt und alles gewonnen.

Spaß auf höchstem Niveau

Bemerkenswert für Abende mit Streichquartett: viel junges Publikum. Das vision string quartet ist natürlich auch gut vernetzt und kann seine jungen Anhänger mobilisieren – bemerkenswert gut verkauft. Und entsprechend kam Stimmung auf mit Beifall auch zwischen den Sätzen und verdientem Jubel.

Das Schöne an der Sache ist aber: Wo das Streichquartett immer noch oft den Nimbus des leicht Abgehobenen hat, analog zum vielzitierten Goethe-Ausspruch von der Unterhaltung zwischen vier vernünftigen Leuten – da ist es beim vision string quartet ganz anders: Streichquartett heute ist, wenn vier coole Typen zusammen auf allerhöchstem Niveau Spaß haben – und das Publikum auch.

Andreas Göbel, rbbKultur

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