Komische Oper Berlin: "La Traviata" © Iko Freese / drama-berlin.de
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Komische Oper Berlin - "La Traviata"

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In Verdis "La Traviata" nach dem Bestseller "Die Kameliendame" von Alexandre Dumas jr. geht es um Liebe, Leiden und Tod. Die Regisseurin Nicola Raab hat das berühmte Seelendrama an der Komischen Oper neu interpretiert.

Intendant Barrie Kosky gab nach eigenem Bekunden diese Neuinszenierung in Auftrag, weil die Vorgänger-Produktion (von Hans Neuenfels) schlecht ausgelastet war. Man hätte daraus auch den Schluss ziehen können, dass es genug "Traviatas" gibt bei uns. Aber nicht in Berlin!, wo sich die Häuser am Ende freuen, wenn ihnen leere Vorstellungen eine Ausrede dafür liefern, dieselben Stücke neu zu inszenieren. Derlei Chancen stehen auch jetzt nicht schlecht. Ich bin skeptisch, ob man diese Neuproduktion braucht – und behält.

Vier Jahreszeiten des Opern-Klischees

Die Entscheidung für Nicola Raab als Regisseurin wollen wir dennoch loben. Sie ist das Zünglein an der Gender-Waage dieser Saison. Ohne sie betrüge der Regisseurinnen-Anteil bei Opernpremieren schlappe 0%. Wenn ich richtig verstehe, deutet Raab – die landauf, landab an kleinen und großen Häusern schon gearbeitet hat – die "Traviata" als Geschichte einer Frau, die eine bedenkliche Lungendiagnose erhalten hat und sich nun, in Erinnerung an den Greta Garbo-Film "Die Kameliendame", eine entsprechende Geschichte herbeiträumt. Innerhalb dieser Erzählklammer bleibt praktischerweise alles beim Alten. Freilich unter Einbezug übelster Bühnen-Metaphern wie Herbstlaub, Frühlingshüte, Wintergärten und Sommer-Krinolinen: die Vier Jahreszeiten des Opern-Klischees.

Der stramme Jubel, der Natalya Pavlova überschwemmte, spricht für ein gut aufgelegtes Premieren-Publikum. Mit überwiegend russischer Technik geht sie die Rolle ‚von unten’ an (vom Brustregister). Entsprechend koloraturschwach fällt der 1. Akt aus. Man bangt um hohe Töne. Erst im 3. Akt findet sie zu sich – wie die Vorstellung insgesamt. Ivan Magrì macht als Alfredo von seinem exklamativen, ausbruchshaften Tenor knüppelharten Gebrauch. Er geht zu sehr zum Angriff über. Und wie es an der Komischen Oper manchmal passiert: Fängt einer zu schreien an, ziehen alle mit. Selbst Günter Papendell singt Germont Père, als sei er der König der Löwen. Oder, um mich vokalhistorischer auszudrücken: als sei er Titta Ruffo persönlich. Leider ohne die Stimme von Titta Ruffo.

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Auf dem falschen Dampfer

Ainārs Rubiķis sorgt für ordentlich Zug, auch Durchzug im Graben. Peitscht gleichfalls zu sehr 'von unten', nämlich mit Pauken und Trompeten. Er treibt dem Werk fast alle Lyrik aus. Das Orchester ist in guter Form, kein Zweifel. Doch die Interpretation bleibt grobkörnig und vordergründig. Nicht zwingend.

Da in der Originalsprache gesungen wird (statt auf Deutsch, wie hier früher üblich), darf man auf internationale Sänger zurückgreifen. Mit der schnödesten Repertoirevorstellung an einem der größeren Berliner Häuser kann es trotzdem nicht konkurrieren. Da zehrt ein Haus von seinem guten Ruf. Und ist – außer genderpolitisch – ziemlich auf dem falschen Dampfer.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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