Belcea Quartet © Marco Borggreve
Marco Borggreve
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Pierre Boulez Saal - Sämtliche Beethoven-Quartette mit dem Belcea Quartet

Bewertung:

Großer Auftakt zum Beethoven-Jahr: Das Belcea Quartet spielt in den nächsten Monaten sämtliche Streichquartette von Ludwig van Beethoven im Pierre Boulez Saal. Der Auftakt zeigte die Qualitäten des Quartetts, aber auch deren musikalische Grenzen.

Für jede Streichquartett-Formation sind die sechzehn Quartette von Ludwig van Beethoven eine Herausforderung, und das bis heute. Beethoven hat die Gattung Streichquartett sogar über Haydn und Mozart hinaus erst zu dem gemacht, was sie heute ist: ein extremes, Grenzen sprengendes Experimentierfeld der Moderne.

Besonders die späten Streichquartette von Beethoven waren nicht nur ihrer Zeit weit voraus, sondern sind bis heute Prüfsteine. Da gibt es unzählige Aufnahmen, und wenn jetzt das Belcea Quartet nicht nur zum 250. Geburtstag von Beethoven, sondern zum eigenen 25. Bestehen diesen Zyklus in der ganzen Welt spielt, haben sie genug Erfahrung, um diese Herausforderung angehen zu können.

So und nicht anders

Vom ersten Ton an merkt man, wie sehr das Belcea Quartet an seiner Beethoven-Interpretation gefeilt hat. Allein vom Zusammenspiel ist das alles andere als einfach, und man muss lange überlegen, wo man das schon mal so klar, geschlossen und souverän gehört hat.

So und nicht anders – so selbstverständlich klingt es. Man fragt sich, was an dieser Musik so schwer sein soll, und vom Zusammenspiel geht es kaum noch kompetenter.

Ordnung in die Form

Beethoven war ein Meister der Form: weder besonders melodisch noch klanglich allzu angenehm. Aber hier zählt der große Überblick, der Architekt in Tönen. Schon in seinem frühen D-Dur-Streichquartett hat er ein großes Bauwerk in Musik erschaffen.

In der Aufführung des Belcea Quartets wird man auch von der Struktur gepackt, man weiß, wo man ist. Auch klanglich ist es durchdacht, ohne Sentimentalitäten. Beethoven erscheint hier überzeugend als jemand, der die Tradition kennt und erst einmal Ordnung in alles bringen will.

Späte Diplomatie

Bis heute geben Beethovens späte Streichquartette Rätsel auf. Klar: Beethoven hat hier Neues erforscht, weit über das Zeittypische hinaus. Das F-Dur-Quartett op. 135, Beethovens letzte vollendete Komposition, wirkt in der Aufführung des Belcea Quartets klar und gefasst, man erkennt vieles wieder. Das ist mustergültig gespielt.

Und trotzdem fehlt das Wesentliche: die zweite Ebene. Auf engstem Raum kombiniert Beethoven in den vier so konventionell erscheinenden Sätzen lakonische Ironie, eine fast sinnlose Euphorie, heilige Ruhe und noch einmal ein konflikthaftes Ringen in ziemlichen Dissonanzen. Das ist alles an diesem Abend zu hören, und doch erscheint es allzu selbstverständlich. Beethoven dringt in Grenzbereiche emotionalen menschlichen Seins vor. Dafür spielt das Belcea Quartet allzu diplomatisch.

Eigener Ansatz

Am intensivsten wirkt hier das zweite der sog. Rasumowsky-Quartette aus Beethovens mittlerer Schaffensperiode. Beethoven hat hier alle vor, auch technisch, wahnwitzige Aufgaben gestellt. Und da fühlten sich auch alle vier herausgefordert. Das hatte Furor und Intensität.

Im langsamen Satz war es dann plötzlich ganz intim, wie auch äußerlich im Pierre Boulez Saal. Das Streichquartett war wegen des großen Publikumszuspruchs von zusätzlich aufgestellten Stuhlreihen eingekreist. Und so klang auch dieser Satz, als ob jemand den Kamin angezündet und das Licht abgedimmt hätte. Ein Ansatz, der Beethoven in diesen Momenten sehr nahe kam.

Keine Fragen

Das Belcea Quartet hat sich in den 25 Jahren seines Bestehens weit in die Weltspitze vorangespielt. Zusammen agieren sie, als wenn es nicht vier Instrumente, sondern ein großes Streichinstrument wäre. Man hat auch hier gerne zugehört bei diesem Klang, der zupackend und strukturell gut durchdacht war.

Und doch fehlte das Abgründige, das scheinbar Unlogische, Gebrochene, Maßlose, Grenzen Sprengende. Warum interessiert man sich heute noch für Beethoven? Weil er „schöne“ Musik komponiert hat? Sicher das auch. Aber das Belcea Quartet scheint keine weitergehenden Fragen an Beethovens Musik zu haben. Das wirkte alles eine Spur zu leicht erkauft, zu perfekt, zu glatt, letztlich: zu schön.

Andreas Göbel, rbbKultur

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