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Philharmonie Berlin - Armenian State Symphony Orchestra und Maxim Vengerov, Violine

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Armenische Musik – da fällt einem in der Regel nur Aram Chatschaturjan und dessen unverwüstlicher Säbeltanz ein. Das kleine Land im Kaukasus hat jedoch weit mehr spannendes Repertoire hervorgebracht. In deutschen Konzertsälen ist es allerdings schwierig, davon etwas kennenzulernen. Nun bestand die Möglichkeit, ein größeres Werk kennenzulernen – in der Philharmonie in Berlin. Das Armenian State Symphony Orchestra aus der Hauptstadt Jerewan mit seinem Chefdirigenten Sergey Smbatyan war zu Gast – mit einem Weltstar als Solisten, nämlich dem russischen Geiger Maxim Vengerov.

Das Orchester ist derzeit auf Europa-Tournee, es war in den letzten Tagen schon in München, Salzburg und Stuttgart, nächste Woche stehen noch Wien und London auf dem Programm. Und mir ist schon nach den ersten Takten Musik die enorme Bühnenpräsenz der Mitglieder aufgefallen, die meisten zwischen 25 und 30 Jahre alt und äußerst konzentriert bei der Sache. Der Klang ist rund, warm und ausgewogen. Vor 15 Jahren hat Sergey Smbatyan das Armenian State Symphony Orchestra am Konservatorium in Jerewan gegründet, als nationales Jugendorchester. Unter seiner Ägide ist es inzwischen erwachsen geworden und hat sich, neben dem arrivierten Armenian National Symphony Orchestra, zum zweiten musikalischen Aushängeschild des Landes entwickelt. Smbatyan hat einen homogenen Klangkörper geformt, der absolut aufhorchen lässt! 

Langjährige Verbindungen – Das Armenian State Symphony Orchestra und der Geiger Maxim Vengerov

Sergey Smbatyan, der ist nicht nur Dirigent, sondern auch Geiger. Er hatte Unterricht bei Vengerov. Und Vengerov hat sich im Gegenzug später bei ihm im Dirigieren fortgebildet – ein Geben und Nehmen im besten Sinne. Man hat den Eindruck, dass Vengerov auch so ein bisschen der Vater des Orchesters ist, in einem Interview sprach er neulich auch von einer sehr persönlichen Beziehung, die er zu diesen jungen Musikern hat.

Belanglose Meereslandschaften – "Seascapes" für Violine und Orchester von Alexey Shor

Der Komponist Alexey Shor stammt aus der Ukraine und lebt heute vor allem in den USA. Er schreibt sehr gefällig, alles klingt sehr nach Filmmusik, ziemlich belanglos. Diese fünf Minuten zum Einstieg "spülten" so recht durchs Ohr. "Lonely Sail", "einsames Segel" hieß der Satz. Der Violinpart war extrem lyrisch, da konnte Maxim Vengerov aufs Süßlichste schwelgen. Am Ende des Konzerts, als Zugabe, gab es noch eine zweite "Meereslandchaft" von Alexey Shor, Barcarolle überschrieben, da war dann die Grenze zwischen Belanglosigkeit und Kitsch endgültig überschritten ...

Hauptwerk im ersten Teil – Sinfonie Nr. 2 "The Fate of Man" von John Ter-Tatevosian

John Ter-Tatevosian ist ein armenischer Komponist, der in die USA ausgewandert ist und dort sehr viel Filmmusik komponiert hat, was man auch diesem halbstündigen Werk anmerkt. Deutliche Einflüsse von Strawinsky, Gershwin und Bernstein waren herauszuhören. Ein programmatisches Werk, inspiriert durch eine Novelle von Mikhail Sholokhov. Es geht um einen LKW-Fahrer, der sich im Zweiten Weltkrieg der Armee anschließt und in einem Konzentrationslager gefangen gehalten wird. Alle Facetten menschlicher Gefühle kommen vor, von zarten, sanften Liebestönen bis zum Inferno. Spannend auch, dass John Ter-Tatevosian die armenische Volksmusiktradition bewusst einsetzt. Da simuliert die Bassklarinette im Orchester den Duduk, also das armenische Nationalinstrument. Und die infernalischen Tänze klingen natürlich gewaltig nach Aram Chatschaturjan! 

Solide, virtuos und ohne Überraschungen - Maxim Vengerov in Max Bruchs Violinkonzert und Ravels Rhapsodie "Tzigane"

Maxim Vengerov steht sozusagen im "zweiten Leben". Das erste war das eines Superstars der Klassikszene in den 2000er Jahren, der mit einer, ja exaltierten Virtuosität das Publikum in Begeisterung versetzt hat, der mit dem Privatjet zu seinen Auftritten reiste. Dann kam eine große gesundheitliche Krise, Vengerov konnte mehrere Jahre nicht auftreten, hat das inzwischen alles glücklicherweise überstanden. Und entsprechend geläutert steht er heute auf der Bühne, er muss sich und dem Publikum nichts mehr beweisen. Das Bruch-Konzert hat er sehr solide gespielt, ordentlich, durchaus virtuos, aber ohne Überraschungen. Vengerov ist ja inzwischen überwiegend als Professor für Violine tätig, unter anderem in London – und man hatte das Gefühl, dass er hier seinen Studenten zeigt, wie das Stück funktioniert, aber mehr auch nicht. Auch in der Rhapsodie "Tzigane" von Ravel passierte da nicht mehr.

Fazit

Spannend an diesem Abend war definitiv nicht der Solist, sondern waren Orchester und Dirigent mit der zweiten Sinfonie von John Ter-Tatevosian – dieses Werk lohnt die Entdeckung unbedingt.

Claus Fischer, rbbKultur

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