Paavo Järvi, Foto: Julia Baier
Julia Baier
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Philharmonie Berlin - Berliner Philharmoniker unter Paavo Järvi

Bewertung:

Stefan Dohr, Solohornist der Berliner Philharmoniker, glänzt mit einem neuen Hornkonzert. Und Paavo Järvi treibt am Pult des Orchesters Berlioz' Symphonie fantastique in eine köstlich radikale Überzeichnung.

Ein Solokonzert – und doch jenseits aller erwartbaren Klischees. Hans Abrahamsen, dessen neues Hornkonzert Stefan Dohr uraufgeführt hat, lässt den Solisten hier nicht in klassisch-vordergründiger Weise brillieren. Das Soloinstrument hat überwiegend lang gehaltene Töne zu spielen, die immer mal wieder vom Orchestergegrummel überspült werden. Der Solopart ragt in der Manier einer Haifischflosse heraus.

Das hat mitunter etwas Idyllisches, wenngleich nur zum Schein. In manchen Momenten gibt es sich gefällig – das ist keine Avantgarde mit neuen Spieltechniken oder nie zuvor gehörten Klängen. Das akzeptiert auch ein Publikum, das bei zeitgenössischer Musik eher zurückhaltend ist.

Weltklassemusiker

Dennoch biedert sich diese Musik nicht an. Für Augenblicke klingt es nach Bekanntem, um diese Andeutungen wie hinter einer unsichtbaren Wand verschwinden zu lassen. Hier ein Gemurmel in den Streichern, dort ein paar Sekunden, in denen alle rhythmisch gegeneinander zu arbeiten scheinen. Eine wohlkalkulierte Ziellosigkeit, die etwas raffiniert Geheimnisvolles hat.

Hans Abrahamsen hat den Solopart für Stefan Dohr geschrieben, beide haben sich vor Beginn des Kompositionsprozesses getroffen. Und für die melodischen Qualitäten des Solohornisten der Berliner Philharmoniker ist das auch gedacht. Lange Einzeltöne, die anfangen zu leben, ein scheinbar endloser langer Atem in unglaublicher Intensität, mit gut abgezirkelten naturtonalen Verschiebungen gegenüber dem Orchester. Das in dieser Qualität kann nur ein Weltklassemusiker wie Stefan Dohr so überzeugend umsetzen.

Brave Bienen

Am Beginn stand ein frühes Orchesterwerk von Igor Strawinsky: das Scherzo fantastique. Reste von Spätromantik treffen auf bereits ziemlich gut ausgeprägte schillernde Klangfarben, die in ihren besten Momenten die großen Ballette des Komponisten vorwegnehmen. Die Berliner Philharmoniker haben damit nicht die geringsten Probleme, Paavo Järvi hat das entspannt und souverän geleitet.

Dennoch wurde hier einiges verschenkt. Gerade diese Orchesterfarben wirkten blass und allzu brav und freundlich. Dabei hat Strawinsky in seinem Stück an Bienen gedacht – ein für die Musik dankbares Thema. Und doch fehlte die Raffinesse. Vor diesem Bienenschwarm musste niemand in Deckung gehen.

Schießbude

Ganz anders dagegen vermittelte sich Hector Berlioz' vielgespielte Symphonie fantastique. Und hier lag hörbar Spannung in der Luft. Selbst wer das Werk gut kennt, musste in den aufgeladenen Pausen mitfiebern, wie es weitergeht.

Die extremen Leidenschaften, die permanenten Energieentladungen dieser Musik waren ein gefundenes Fressen für die kollektive Virtuosität der Berliner Philharmoniker. Ein bisschen muss das noch zusammenfinden, bis wirklich alles übereinander ist, aber der Spaß an diesen exzentrischen Gegensätzen, an der musikalischen Schießbude, die Berlioz hier auffährt, hatten alle spürbar.

 

Zwischen Traum und Drogen

Paavo Järvi unterstützte diese Überzeichnung noch in dieser Musik, die zwischen Traum und Drogen changiert. Dabei besteht die Herausforderung bei Berlioz oft darin, die langweiligen Teile nicht durchhängen zu lassen. Wie oft musste man im langsamen Satz mit seiner ländlichen Idylle schon gähnen. Hier nicht! Das war ganz exquisit zwischen Regentropfen und Donnergrollen, und das Fernduett mit Albrecht Mayer (Oboe, hinter der Bühne) und Dominik Wollenweber (Englischhorn, auf der Bühne), war ein einziger Genuss.

Überhaupt ließen sich alle von der Riesengaudi anstecken: Im Finale mit seinem Hexensabbat spielten die Klarinetten köstlich schief und kreischend, die Glocken tönten ohrenbetäubend links oben knapp unter der Decke. Bald zwei Jahrhunderte ist diese Symphonie fantastique alt, wirkt aber deutlich radikaler als etwa der Abrahamsen. Auf jeden Fall: Verrückter im besten Sinne kann man das nicht spielen.

Andreas Göbel, rbbKultur

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