Natalia Skrycka, Placido Domingo, Thomas Guggeis und Zuzana Markova beim Schlussapplaus nach der Aufführung von La Traviata in der Staatsoper Unter den Linden. Berlin, 16.01.2020 © imago-images / Thomas Bartilla
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Berliner Staatsoper - Giuseppe Verdi: La Traviata

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Trotz Vorwürfen wegen sexuellen Belästigung – Plácido Domingo sang gestren in "Traviata"-Vorstellung an der Berliner Staatsoper

Das kommt auch in Berlin nicht allzu häufig vor: eine Opernvorstellung, die unter Polizeischutz stattfindet. Gestern Abend war das der Fall, an der Berliner Staatsoper. Verdis Traviata wurde gegeben, als Wiederaufnahme der Inszenierung von Dieter Dorn, und der Grund für die Präsenz der Polizei war, dass Plácido Domingo mitgewirkt hat. In Los Angeles musste er kürzlich nach Vorwürfen wegen sexueller Belästigung als Opernchef zurücktreten. Die Berliner Staatsoper hat die Verpflichtung Domingos daraufhin aber nicht rückgängig gemacht, man halte die vertraglichen Verpflichtungen ein, hieß es, und im Haus seien auch keine Fälle vorgekommen.

Vor der Staatsoper: Polizei und Demonstrantinnen

Bereits eine Stunde vor Beginn der Vorstellung postierte sich ein Mannschaftswagen der Berliner Polizei vor dem Hauptportal der Staatsoper. Daneben standen fünf Demonstrantinnen vom Verein "Pro Quote Bühne", in dem sich Mitarbeiterinnen von deutschen Theatern zusammengeschlossen haben. Sie forderten schweigend mit Transparenten in den Händen ein Auftrittsverbot für Plácido Domingo in Berlin, verteilten auch Handzettel mit dieser Forderung. Sie kamen auch mit einigen Opernbesucher*innen ins Gespräch, alles wirkte sehr ruhig und zivilisiert. Sprecherin Angelika Zacek sagte, dass Intendant Matthias Schulz inzwischen angeboten habe, mit "Pro Quote Bühne" ins Gespräch zu kommen, allerdings erst nach den beiden aktuellen Vorstellungen mit Plácido Domingo. Das Thema dürfte also noch länger auf der Tagesordnung stehen. Allerdings schien die große Mehrheit des Publikums wenig Interesse daran zu haben ...

Das Publikum – Gekommen, um den Star zu feiern ...

Es mag erstaunen, wie viele Fans Plácido Domingo mit seinen 78 Jahren immer noch hat. Der weitaus größere Teil des Publikums schien nicht wegen der "Traviata"-Inszenierung von Dieter Dorn gekommen war, sondern um ihr Idol zu erleben. Ein Ehepaar aus Kiel beispielsweise reist Plácido Domingo seit 30 Jahren zu seinen Auftritten nach – von Salzburg bis New York. Dass jetzt immerhin neun konkrete Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen ihn vorliegen, sieht man unter den Fans nicht als Problem an, denn es gebe ja schließlich noch kein konkretes Verfahren gegen den Sänger, hieß es mehrfach.

Erleichterung beim Intendanten: Domingo erkältet, aber einsatzbereit

Als vor Beginn der Vorstellung Intendant Matthias Schulz vor den Vorhang trat, war aber doch eine gewisse Unruhe im Zuschauerraum spürbar. Plácido Domingo sei erkältet, verkündete er, und deshalb leicht indisponiert. Er werde die Partie des Giorgio, also des Vaters von Alfredo, des Liebhabers der Kameliendame Violetta, aber trotzdem singen. Das wurde mit Applaus quittiert. Sarkastisch könnte man dazu sagen: Gottseidank, die Gelddruckmaschine funktioniert ...

Legitimer Domingo-Erbe? – Der französische Tenor Benjamin Bernheim als Alfredo

Der junge Franzose Benjamin Bernheim sei, wie eine große deutsche Plattenfirma derzeit suggeriert, der neue Stern am tenoralen Himmel, entsprechend groß war die Neugier des Kritikers. Und tatsächlich – die Stimme ist sehr groß, hat ein enormes Ausdrucksspektrum. Allerdings macht sie in den Bravourpassagen mehr her als an den intimen, leiseren Stellen. Aber daran kann und wird Benjamin Bernheim mit Sicherheit noch arbeiten, sein Potenzial ist wirklich enorm.

Überraschung des Abends: Zuzana Marková als Violetta

Die Überraschung des Abends war allerdings die tschechische Sopranistin Zuzana Marková als Violetta. Mit ihrem schlanken, warmen Timbre hat sie nicht nur in den leisen, lyrischen Passagen das Publikum berührt, sondern hat auch ein großes dramatisches Potenzial – und ein schauspielerisches! Gerade das hat der doch recht langweilen Inszenierung von Dieter Dorn ziemlich gut getan, denn allzu viel Personenführung hat nicht stattgefunden. Die Geschichte findet auf einer kreisrunde Fläche als Kammerspiel mit sehr wenigen Requisiten statt. Und wie Susanna Marková den Todeskampf der Violetta verkörperte war bisweilen atemberaubend!

"Die Bude gerockt" – Plácido Domingo als Giorgio trotz Erkältung exzellent ... und ambivalent

Tatsächlich konnte man hier einen Altmeister erleben, der sich auch ganz hervorragend in das Ensemble der Staatsoper eingefügt hat. Neudeutsch sagt man wohl "Er hat die Bude gerockt". Man fragt sich allerdings schon, was ihm an jener Stelle so durch den Kopf ging, als er in der Rolle von Vater Giorgio den Satz zu singen hatte: "Verachtet sei, wer eine Frau demütigt." Jene Stelle, an der Sohn Alfredo Violetta im Zorn attackiert. Dieser Satz ist ziemlich scheinheilig, weil Giorgio ja die ganze Liebestragödie erst ausgelöst hat ...

Thomas Guggeis wird zum Staatskapellmeister ernannt beim Schlussapplaus nach der Aufführung von La Traviata in der Staatsoper Unter den Linden. Berlin, 16.01.2020 © imago-images / Thomas Bartilla
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Zehnminütiger Applaus für die Protagonisten und die Staatskapelle Berlin – Dirigent Thomas Guggeis zum "Staatskapellmeister" ernannt

Plácido Domingo bekam am Ende, wie zu erwarten war, einen Riesenapplaus, aber auch Zuzana Marková und Benjamin Bernheim wurden reichlich bedacht und – absolut verdient der  Dirigent des Abends, der erst 26 Jahre alte Thomas Guggeis. Er hat die Staatskapelle Berlin zu Höchstleistungen angespornt – selten hört man einen derart sphärischen Streicherklang! Intendant Matthias Schulz hat Thomas Guggeis denn nach der Vorstellung prompt offiziell zum Staatskapellmeister ernannt. Das war dann – neben Zuzana Marková – die zweite Überraschung am Ende dieses im wahrsten Wortsinn "merkwürdigen" Opernabends.

Claus Fischer, rbbKultur

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