Der Rundfunkchor Berlin.
Rundfunkchor/Jonas Holthaus
Bild: Rundfunkchor/Jonas Holthaus Download (mp3, 5 MB)

RundfunkchorLounge im silent green Kulturquartier - "Spice Girls"

Bewertung:

Die zweite RundfunkchorLounge der Saison war gestern im "silent green Kulturquartier" im Berliner Wedding zu erleben. Im Mittelpunkt standen Werke von Komponistinnen und Künstlerinnen. Gayle Tufts hat den Abend moderiert und DJ Malfatti für die Lounge-Klänge gesorgt ...

Das Konzertmotto meinte vordergründig natürlich die englische Frauenband, die in den 1990er-Jahren die Pop-Musikszene aufmischte. Aber "Spice Girls", wörtlich übersetzt "Gewürz-Mädchen", stand auch als Synonym für jene "Würze", die mutige und selbstbewussten Frauen in eine von Männern dominierte Welt gebracht haben. Also es ging um Komponistinnen, die sich in den vergangenen Jahrhunderten einen festen Platz in der Musikgeschichte erobern konnten ... eine Dichterin war auch dabei, nämlich Toni Morrison.

In bestem "Denglisch" moderiert – 1200 Jahre Musikgeschichte

Gayle Tufts brachte es in unnachahmlichen Art auf herrlichstem Denglisch auf den Punkt: Dass man an einem grauen Januartag in einem ehemaligen Krematorium in Berlin-Wedding so viel Schönes hören kann, das, meinte die Entertainerin, sei einmalig. Das Einmalige bestand im Kurzweiligen. Man hat tatsächlich selten Gelegenheit, anspruchsvolle Musik aus einen Zeitraum von rund 1200 Jahren zu hören, und dazu in ganz unterschiedlichen Besetzungen: Von der Mittelalter-Frauen-Schola über doppelchörigen Motette der Renaissance bis zum expressionistischen Lied für Solosopran, Violoncello und Klavier reichte die Spannweite ...

Dramaturgischer "roter Faden" – Gespräche über Frauen im Musikleben

Ein musikalisch derart bunter Abend kann schnell zum "Gemischtwarenladen" werden. Doch die Moderation von Gayle Tufts steuerte gekonnt dagegen, indem sie die Dramaturgie von Rundfunkchorchef und Dirigent des Abends Gijs Leenaars entfaltete – sowohl allein als auch in mehreren Gesprächsrunden mit Leenaars selbst oder der Mittelalter- und Geschlechterforscherin Bea Lundt. Da erfuhr man dann z.B., dass Frauen im angeblich so finsteren Mittelalter für heutige Begriffe wahrscheinlich emanzipierter waren, als z.B. im prüden 19. Jahrhundert. So war einerseits der thematische rote Faden gewahrt und so bekam das Publikum zur Musik noch einen erheblichen Mehrwert geliefert – auf unterhaltsame, aber niemals klamaukige Weise.

Spice and Smyth – Nach "Wannabe" kam der "Suffragetten-Marsch"

Ein Titel der "Spice Girls" kam zu Beginn, "Wannabe", arrangiert für Frauenchor vom niederländischen Komponisten Jetse Bremer. Die Frauen des Rundfunkkurs gingen da recht gut mit, etliche mehr, einige weniger. Gayle Tufts brachte das Bild danach so auf den Punkt: "Mannomann, da geht man 24 Jahre aufs Konservatorium und dann muss man so einen Sch... singen." Es folgte der "Marsch der Suffragetten", also der Frauen in London, die Anfang des 20. Jahrhunderts für das Frauenwahlreht stritten. Die Musik stammt von der Komponistin Ethel Smyth, sie hat den Marsch aus ihrer Gefängniszelle heraus mit der Zahnbürste dirigiert. Im Saal wurde dann auch ein erhaltenes Tondokument von Ethel Smyth eingespielt. Darin äußerte sie sich über Johannes Brahms, dem sie mehrfach begegnet ist. Brahms, sagte sie, hat junge Frauen immer so angeschaut wie ein Rotzlöffel, der die Törtchen im Schaufenster einer Konditorei betrachtet ...

Mittelalterliche Gesänge – der Männerchor

Die Männerstimmen des Rundfunkchors waren u.a. mit einem Gesang des mittelalterlichen Gelehrten Petrus Abaelardus aus dem frühen 12. Jh. zu hören. Diese Darbietung unter Leitung von Gijs Leenaars war nicht überzeugend, da zu wenig historisch informiert. Man merkt schon, dass die Herren nicht täglich im gregorianischen Choralstil singen. Spezialensembles für mittelalterliche Musik stecken natürlich mehr in der Materie drin ...

Kassia und Hildegard – Sakrale Gesänge mittelalterlicher Nonnen

In den Nonnenklöstern des Mittelalters wurde, betone Mediävistin Bea Kundt,  von morgens bis abends gesungen und komponiert – und hochvirtuos. Die bekannteste Musikschöpferin war Hildegard von Bingen, von der ein längerer gottesdienstlicher Gesang zu hören war. Außerdem von einer byzantinischen Nonne aus dem neunten Jahrhundert, Kassia mit Namen. Allerdings wurden diese Gesänge nicht vom kompletten Frauenchor des Rundfunkchors dargeboten, sondern nur von drei Mitgliedern: Barbara Berg, Bianca Reim und Laura Murphy. Die waren derart grandios, dass man sie tatsächlich für ein Spezialensemble für mittelalterliche Musik hätte halten können – beeindruckend!

"Weiblicher Gabrieli" – Doppelchörige Sakralmotetten von Sulpitia Cesis

Auch Sulpitia Cesis war Nonne. Ihre Werke stehen absolut auf einer Stufe mit denen von Giovanni Gabrieli in Venedig. Für drei Motetten kam dann noch einmal der komplette Rundfunkchor auf die Bühne. Für Renaissancemusik in der Besetzung zu dick, Puristen hören da lieber kleiner besetzte Spezialensembles. Aber der Klangeindruck war schon ziemlich überwältigend. Erstaunlich, wie schnell diese kurzweiligen zweieinhalb Stunden vorbei waren!

Claus Fischer, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Ainārs Rubiķis ist der Generalmusikdirektor der Komischen Oper Berlin © Jan Windszus Photography
Jan Windszus Photography

Komische Oper Berlin - Orchester der Komischen Oper Berlin spielt Sinfoniekonzert 4

Das vierte Sinfoniekonzert des Orchesters der Komischen Oper Berlin fand unter seinem Generalmusikdirektor Ainārs Rubiķis am Valentinstag statt. Auf dem Programm standen u.a. Werke von Schostakowitsch, Debuss und Ravel. Als Solistin war Arabella Steinbacher in Korngolds Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35 zu hören.

Bewertung: