Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin © Simon Pauly
© Simon Pauly
Bild: © Simon Pauly Download (mp3, 4 MB)

Philharmonie Berlin - Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und RIAS Kammerchor

Bewertung:

Robert Schumanns Szenen aus Goethes Faust sind ein problematisches Werk – man kann sich leicht zu Tode langweilen. Dies verhindert eine so gelungene Aufführung mit dem RSB und dem RIAS Kammerchor.

45 Minuten mit der Schluss-Szene aus Faust II können schön sein. Das hatte Robert Schumann als erstes komponiert. Und wenn es dabei geblieben wäre, wie Soli, Chor und Orchester ineinander und miteinander spielen, hätte man einen musikalischen Edelstein. Dann allerdings hat Schumann weiterkompliniert, leider. Drei Stücke Gretchen-Tragödie, Fausts Tod etc. – 70 weitere Minuten voller quälender Langeweile.

Davon bleibt nichts im Kopf. Das hangelt sich an Goethes Versen entlang, entweder ein bisschen dramatisch oder ein bisschen idyllisch, alles ein bisschen. Endlose Monologe in halbem Rezitativ-Stil. Erfolg hatte das eigentlich nie. Zuletzt wurde vor gut drei Jahren die Staatsoper an ihrem Stammort Unter den Linden damit wiedereröffnet. Ein missglückter Abend war das damals. Und jetzt in der Philharmonie bleibt ein Drittel der Plätze frei.

Wenn, dann so

John Storgårds kennt sich mit Robert Schumanns Problemstücken aus. In Finnland, so kann man im Programmheft nachlesen, hat er Schumanns ebenso langweilige Oper "Genoveva" aufgeführt. Jetzt hat er hier in Berlin das Rundfunk-Sinfonieorchester. Die nehmen die Sache in die Hand, und wenn man im ersten Teil nicht einschläft, dann wegen der hohen Qualität des Orchesters.

Selbst dort, wo es nur idyllisch ist – Faust und Gretchen im Garten – da blüht es auf, da scheinen die Klangfarben sogar zu duften. In den dramatischen Teilen kommen die vorzüglichen Trompeten und Posaunen zum Einsatz. Also – wenn man das denn unbedingt machen muss, dann so.

Sprechmusik

Die Solist*innen haben es richtig schwer. Gut ausgewählt sind sie durchweg – mit Konzert- und Oratorienerfahrungen. Da war es richtig, nicht auf reine Opernstimmen zu setzen. Christina Gansch als Gretchen ist liebreizend und wohltuend eine Spur ironisch, Stephan Klemm gibt finster und trocken den Mephisto.

Markus Eiche hat es besonders hart getroffen: Er muss mit diesen Endlos-Monologen klarkommen. Schumann hat das alles irgendwie gleich vertont in einem unverbindlichen Halb-Rezitativ-Stil. Kein Wunder, dass Eiche mit der Nase im Klavierauszug steckt. Wie soll man das lernen?! Mit anständiger Textverständlichkeit macht er das Beste daraus.

Bezeichnend ist aber: Fast alle haben irgendwie leichte textliche Hänger, obwohl sie von Noten singen. Da wird mal ein Laut, ein Wort, ein Vers verdreht. Ja, Goethes Sprache ist oft, und gerade in Faust II, weniger Inhalt und mehr Musik. Und da ist es dann irgendwie egal, was sie singen, Hauptsache, es klingt gut ...

Raumchorklang

Wenn man zu solch einem Unterfangen den RIAS Kammerchor einlädt, weiß man – es funktioniert. Denn dieser Chor macht aus allem ein Ereignis. Da reicht es schon, wenn ein langer Klang an- und abschwillt. Da ist man sofort hellwach.

Der Chor kann nun einmal so zurückgenommen singen, dass er in ein mittelgroßes Wohnzimmer zu passen scheint, und dann bringt er wiederum die Philharmonie zum Erzittern. Gerade nach der Pause ist der Chor Träger des Geschehens, und wie die bisweilen ziemlich komplizierten Verflechtungen so klar und aufgefächert erscheinen – ein absoluter Genuss.

Bitte warten

Der zweite Teil, also: die dritte Abteilung hat versöhnt. Es ist ja wirklich bewundernswert, welch Aufwand hier betrieben wurde, um dieses Werk zu stemmen. Neben Orchester, Chor und Solist*innen auch noch der Kinderchor des Händel-Gymnsiums: sehr klar und zuverlässig.

Kurz: Das hohe Niveau dieser Aufführung muss man unterstreichen. Wenngleich man sich sehr gut vorstellen kann, dann man bis zur nächsten Aufführung dieses Werkes ein paar Jahre zu warten …

Andreas Göbel, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Berliner Philharmonie
rbb/Schirmer/Berliner Philharmoniker

Digital Concert Hall - Philharmoniker und Simon Rattle ohne Publikum

Die Philharmonie Berlin wird bis zum 19. April geschlossen – als Maßnahme, um der Verbreitung des Coronavirus entgegenzuwirken. Die Berliner Philharmoniker und Sir Simon Rattle haben sich allerdings entschlossen, ihr geplantes Konzert mit Berios Sinfonia und Bartóks Konzert für Orchester trotzdem zu geben. Ohne Publikum hat es stattgefunden, exklusiv in der Digital Concert Hall.

Download (mp3, 5 MB)
Bewertung: