Guy Braunstein © Gregor Baron
Gregor Baron
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Pierre Boulez Saal Berlin - Martha Argerich und Guy Braunstein

Bewertung:

Der erste Duoabend von Martha Argerich und Guy Braunstein. Tigertatze trifft auf Ausdrucksspieler. Was sie spielen, ist eigentlich schon egal. Beide ergänzen einander auf traumhafteste Weise. Musik in Vollendung. Glücklich, wer das erlebt hat.

Das hat sich herumgesprochen. Und entsprechend war der Andrang. Eine Riesenschlange an der Abendkasse gierte auf die Restkarten. Das ist beileibe nicht das erste Mal, dass der Pierre Boulez Saal ausverkauft ist, aber das hat alles Bisherige noch einmal getoppt.

Bei großem Andrang kann man in diesem Saal auch auf die Konzertfläche noch Stühle stellen, aber diesmal waren diese fast unanständig nahe an Martha Argerich herangebaut. Auch auf der halben Höhe saßen, diesmal sogar: standen noch etliche Besucher*innen.

Singende Geige, brodelndes Klavier

Martha Argerich und Guy Braunstein spielen zum ersten Mal einen Duoabend. Immerhin ein Risiko. Hier auch. Aber produktiv und genial. Guy Braunstein setzt seine Geige an, und sofort verströmt es Wärme und Emotion. Er schüttet mit seinem Instrument sein Herz aus, hat man wenigstens den Eindruck.

So etwas ist leicht zu begleiten, und so tut Martha Argerich das auch erst einmal. Man merkt: Sie hört einfach zu und reagiert, ist Stütze und Basis, trägt den Geigenton auf Händen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Martha Argerich bedeutet: Vulkan. Und so schleudert sie Akzente wie Lava heraus. Und aus diesem Wechselspiel: singende Geige und brodelndes Klavier entsteht eine geradezu ideale Kombination.

Beide spielen einfach

Was beide auf ihr Programm gesetzt haben, ist da fast schon egal. Die drei Sonaten von Schumann, Prokofjew und Franck sind Spätwerke, aber in Wirklichkeit nur drei großartige Sonaten, die beiden alles abverlangen. Aber unter dem macht man es hier eben auch nicht.

Robert Schumanns a-Moll-Sonate setzt ganz auf das Wechselspiel beider Partner*innen. Hoch anspruchsvoll, ohne billige Virtuosität. Martha Argerich lässt Guy Braunstein auch erst  einmal den Vortritt. Allerdings kontrastiert sie im letzten Satz das wohlige Geigenspiel mit ein paar wohltuend getupften Akzenten aus ihrer bewährten Tigertatze.

Dampflok auf der Wäscheleine

Sergej Prokofjews Violinarrangement seiner Flötensonate klingt so freundlich und ist alles andere als das. Beide Interpret*innen wissen das und machen etwas daraus. Russische Sanglichkeit ist ohnehin etwas für Guy Braunstein, gerne auch leicht kratzig und schrundig, genau das Richtige für diese Musik, die nur so harmlos tut und doch voller Narben ist. Eine gefährdete Idylle voller Einsamkeit. Eine Balance auf der Wäscheleine, immer knapp vor dem Absturz.

Martha Argerich weiß um die Bitterkeit dieser Musik, um deren Ironie und Sarksamus. Wenn im Finale die rumpeligen Akkorde im Klavier liegen, hat das etwas von einer Dampflok. Beide schenken einander nichts, und das macht diese Interpretation so genial und atemberaubend.

Der Welt standhalten

César Francks Violinsonate ist ein Werk der Reife, und das scheint vielen Interpretationen zu genügen. Aber nicht Martha Argerich und Guy Braunstein. Hier hat das Klavier – Franck war ein grandioser Pianist – einige freie Solostrecken. Und Martha Argerich füllt damit den Raum, erzählt eine ganze Welt. Man ist glücklich über jeden ihrer Töne, ihr Anschlag trifft im Innersten. Da ist alles gesagt – und eigentlich kann da jeder Geiger einpacken. Aber: Guy Braunstein hält dem stand. Er nimmt sich seine Zeit, er hat die Gabe, einen Einzelton zu entwickeln, ihn zum Leben zu erwecken, mit Glut aufzuladen. Wo das Klavier Brände entfacht, ist die Geige hier der Feuerlöscher. Keine Ahnung, wie viel beide vorher geprobt haben. Wenn es wenig war – hier einmal: umso besser. Man hat nie das Gefühl, dass etwas Verabredetes einfach nur abgespult wird. Es entsteht im Augenblick und erzeugt eine kaum auszuhaltende Spannung im Raum.

Zweimal Fritz Kreisler

Das war natürlich nicht alles. Die stehenden Ovationen brachten immerhin noch zwei Zugaben von Fritz Kreisler, gespielt auf Guy Braunsteins Geige, die, wie der Geiger betonte, einmal Fritz Kreisler gehörte. Zwei Salonstücke, sehr angenehm und freundlich anzuhören.

Allerdings: Wenn Martha Argerich begleitet, ist dieses Wort bereits falsch. Die zweite Zugabe – "Schön Rosmarin" – wirkte ziemlich unabgesprochen. Guy Braunstein sprach vorher kurz mit Martha Argerich und blätterte ihr die richtige Seite im Notenheft auf. War das wirklich spontan, nicht geprobt und vom Blatt?! Martha Argerich garnierte ihren Part mit herrlichen Ecken und Kanten. Welch Pianistin! Und man mag nicht glauben, dass sie im kommenden Jahr 80 wird. Und der Abend selbst war eine Sternstunde, was sonst?!

Andreas Göbel, rbbKultur

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