Berliner Philharmonie
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Digital Concert Hall - Philharmoniker und Simon Rattle ohne Publikum

Bewertung:

Die Philharmonie Berlin wird bis zum 19. April geschlossen – als Maßnahme, um der Verbreitung des Coronavirus entgegenzuwirken. Die Berliner Philharmoniker und Sir Simon Rattle haben sich allerdings entschlossen, ihr geplantes Konzert mit Berios Sinfonia und Bartóks Konzert für Orchester trotzdem zu geben. Ohne Publikum hat es stattgefunden, exklusiv in der Digital Concert Hall.

Für längere Zeit wird dies wohl die einzige Möglichkeit sein, Kultur live zu erleben: am Bildschirm. Immerhin, man kann sich ein Glas Wein dazu gönnen. Und mit der Zeit wird man vielleicht auch nicht drei Browser bemühen müssen, um auch ein Bild zu sehen. Wie grundsätzlich anders dieser Genuss doch ist.

Gespenstisch leere Reihen sind zu sehen, der Dirigent verbeugt sich ins Nichts. Wo ich sonst die Wahl habe, wo ich meinen Blick hinrichten will, nimmt mir das die Kamera (sehr gekonnt) ab. Die Klangübertragung durch Mikrofone ist grundsätzlich unvergleichbar mit dem Hören im Saal, von der Interaktion von Publikum und Musiker*innen ganz abgesehen.

Aber es gibt auch Vorteile: die sehr guten (englischen, aber übersetzten) Einführungen von Simon Rattle. Berios Konzert für Orchester und 8 Vokalsolisten war 1968 eine Sensation. Sprachfetzen, Gesangsfetzen, Geräusche, Urklänge, eingebettet in einen bunten und nur scheinbar chaotischen Klangteppich. Das wurde berückend virtuos von den Neuen Vokalsolisten Stuttgart und dem hoch gespannten Orchester umgesetzt. Das Werk selbst hatte einen ungeheuren Einfluss auf die zeitgenössische Musik, aber ist doch etwas in die Jahre gekommen. Aber die Verweigerung von durchgeformter Orientierung passt sehr zu unserer Corona-Zeit.

Ebenso passend Bartóks Konzert für Orchester. Die Weltkriese des 2. Weltkriegs, der Verlust aller zivilisatorischen Normen, ein todkranker Komponist, dem genau ein Jahr durch das noch brandneue Penicillin ermöglicht wurde. Man spürte der Interpretation den Ernst unserer Lage an. Überbordend die Lebensbejahung des letzten Satzes, auch der Humor des Stückes. Trost in unserer Lage.

Im Übrigen darf man anregen, den Preis für Konzerttickets, vor allem auch kleinerer Veranstalter, nicht zurückzuverlangen. Aus Solidarität.

Clemens Goldberg, rbbKultur

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