Igor Levit; © SONY/Felix Broede
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Hauskonzert via Twitter - Igor Levit, Klavier

Bewertung:

In Zeiten von coronabedingter Absage aller Konzerte mit Publikum gibt der Pianist Igor Levit jeden Abend um 19 Uhr ein kleines Hauskonzert. Diesmal Busoni. Ernsthaft und mit Haltung. Und wichtiger denn je.

Hauskonzert ist hier wörtlich zu nehmen: Man sieht über die Kameraeinstellung via Twitter ein Altbau-Wohnzimmer mit Parkett. Im Zentrum des Bildes der Flügel, darüber ein großes Bild an der Wand mit einer Straßendarstellung in schwarz-weiß.

Igor Levit selbst ist auch ganz in Alltagskleidung bei sich zu Hause: schwarzer Kapuzenpulli, schwarze Schlabberhose – auf die hellbraunen Pantoffeln hat er diesmal verzichtet und spielt in dunkelroten Socken.

Kein Mainstream: Busoni

Diesmal hat sich Igor Levit den italienisch-deutschen Spätromantiker Ferruccio Busoni ausgesucht. Nur wenige spielen dessen Werke, aber für Levit ist das eine Herzensangelegenheit – wie letzten Sommer bei den Salzburger Festspielen, wo ich ihn mit Busonis grandioser (und grandios gespielter) Fantasia contrappuntistica gehört habe.

Johann Sebastian Bach spielt ebenfalls eine Rolle – wie anders bei Busoni! Drei der vier Stücke haben Bachs Musik zur Basis. Kein leichtes Programm, kein Mainstream. Man merkt auch an der links unten eingeblendeten Zahl der Zuschauer, dass ein Drittel vor dem Ende abspringt. Aber egal: Igor Levit kann es sich leisten, und es spricht für ihn, dass er seinem virtuellen Publikum auch mal das anbietet.

Kurze Einführung

Die Sache läuft relativ unspektakulär ab: Igor Levit kommt, setzt sich auf den Klavierhocker und erzählt kurz etwas über die Stücke – die Berceuse als Andenken an die verstorbene Mutter, bei der Fantasie über Johann Sebastian Bach ist es der kurz zuvor verstorbene Vater, dem er das Werk widmet.

Igor Levit findet Attribute wie "intim", "wohltuend" oder auch "weltumspannend". Diese Musik, das merkt man, bedeutet ihm viel. Und dann nach diesen kurzen Worten in deutscher und englischer Sprache geht es schnörkellos eine halbe Stunde an die Musik.

Die Übertragung

Die Übertragungsqualität selbst ist, kaum anders zu erwarten, problematisch. Mal ist es, gerade im Diskant, übersteuert, dann murmelt der Bass im Hintergrund. Jeder kräftigere Akkord sorgt dafür, dass sofort erst einmal alles Weitere abgedimmt wird, bevor es wieder aufflackert.

Die zu hörende Lautstärke entspricht überhaupt nicht dem, wie Igor Levit gestaltet. Es gibt keine Balance, mal brummt es, mal gurgelt es. Da muss man sich sehr viel zurechthören.

Ernst und eindringlich

Und doch: Man kann die Ernsthaftigkeit, mit der Igor Levit spielt, nicht überhören. Das ist kein Spaß-Abend mit ein bisschen netter Musik – hier geht es um mehr. Überhaupt hat Igor Levit das schon länger im Repertoire – wer etwa die Fantasie über Johann Sebastian Bach mal in schönerer Klangqualität hören will: Das gibt es auf YouTube in seiner Interpretation.

Igor Levit ist ein Pianist, der in die hintersten Winkel der Musik hineinleuchtet. Er nimmt sich die Zeit, alles auszuspielen. Busonis Berceuse etwa, voller Herbheit und gleichzeit Wärme – da scheint sich in seinem Spiel auch die derzeitige Situation widerzuspiegeln. Das ist ein Stück, das immer versucht zu sagen: Es ist doch alles gar nicht so schlimm – obwohl genau das Gegenteil der Fall ist.

Diese Dialektik, diese Eindringlichkeit der Musik teilt sich trotz aller Unzulänglichkeiten der Übertragung wirklich mit. Igor Levit ist ein Gestalter, hat eine Haltung zu der Musik, die er spielt, das kann man nicht überhören. Am Ende bleibt er für einen langen Moment nachlauschend sitzen, klopft dann zweimal auf seinen Klavierhocker und geht. Richtig: mit dieser Musik ist alles gesagt, mehr braucht es für diesen Abend nicht, das muss man erst einmal nachwirken lassen.

Wichtiger denn je

Worum geht es dabei? In diesen Tagen mit erzwungenem Verzicht auf Live-Konzerte im Saal stellt sich die Frage, wie man auf anderem Weg Gemeinschaft herstellen kann. Natürlich kann sich längst jeder aus dem Netz Musik herunterladen. Und dennoch ist es hier anders: Da spielt jemand – jetzt! – live.

Und obwohl alle alleine zu Hause sitzen und sich derzeit eben nicht in Gemeinschaft mit anderen begeben dürfen, hört das eben nicht nur der Einzelne, sondern parallel auch ganz viele andere in diesem Moment. Das kann kein Konzert im Konzertsaal ersetzen, aber doch immerhin ein Gemeinschaftserlebnis herstellen. Und das ist in diesen schwierigen Tagen und Wochen vielleicht wichtiger denn je.

Andreas Göbel, rbbKultur

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