Kent Nagano; © Felix Broede
Felix Broede
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Philharmonie Berlin - Kent Nagano dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin

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Ein alter Bekannter war am Sonntag Abend zu Gast beim Deutschen Symphonie Orchester Berlin, beim DSO, der Amerikaner Kent Nagano. Von 2000 bis 2006 hat er dieses Orchester geleitet, inzwischen ist er dessen Ehrendirigent. Nagano leitet heute das Philharmonische Staatsorchester Hamburg und das Orchestre symphonique de Montréal in Kanada.

Zwei Meilensteine der Sinfonik standen auf dem Programm: die dritte Sinfonie von Robert Schumann, die "Rheinische" und die Erste von Johannes Brahms - zunächst mal ziemlich unoriginell. Doch der dramaturgische Ansatz, mit dem die beiden Werke gekoppelt wurden, ist einleuchtend.

Dramaturgisches Konzept: Beethoven als unsichtbarer "Elefant im Raum"

Sowohl Schumanns "Rheinische", als auch die Erste von Brahms sind ja Versuche, das Genre Sinfonie nach Beethovens "Neunter" fortzuschreiben - Antworten auf den Titanen. Schumann hat den Elan des Ortswechsels genutzt, um diese Aufgabe anzugehen. Er war ja mit Ehefrau Clara und den Kindern von Dresden nach Düsseldorf umgezogen, um dort die Stelle des städtischen Musikdirektors anzutreten. Und diesen Schwung des Neuanfangs hört man dem Werk an, das ja in einigen Passagen z.B des Scherzos fast volkstümlichen Charakter hat.

Brahms dagegen tat sich mit seiner Antwort auf Beethoven erheblich schwerer, und das lag zum Gutteil an Robert Schumann. Der hatte nämlich in einem Aufsatz mit dem Titel "Neue Bahnen" Brahms als den quasi nächsten Beethoven apostrophiert, ihm üppige Vorschusslorbeeren mitgegeben. Und darunter hat Brahms doch gelitten. Vierzehn Jahre hat er an seiner "Ersten" geschrieben. Aber die Tatsache, dass dieses Sinfonie heute allgemein gerne als "Beethovens Zehnte" bezeichnet wird, zeigt, dass er die Aufgabe gemeistert hat....

Unaufgeregt, transparent und entstaubt - Schumanns "Rheinische"

Bereits im hymnischen Anfang, in dem man den Rhein majestätisch dahinfließen hört, ging es lebendiger zu, als man es sonst oft hört. Dieser Rhein floss klar und durchsichtig mit kleinen Wirbeln und Wellen. Man merkte, dass Kent Nagano auch mit Begeisterung Alte Musik gemacht hat und noch macht, das klang stellenweise fast nach historisch-informierter Aufführungspraxis mit dosiert eingesetztem Vibrato, schlank und entstaubt. Dennoch spannte der Maestro schöne weite Bögen, verlor nie den roten Faden, hielt die Spannung von der ersten bis zur letzten Note.

Das Orchester, das im Moment wirklich in Topform ist, ging konzentriert mit, die Chemie stimmte. Ein paar "Wackler" im Blech im vierten Satz haben überhaupt nicht gestört. Dieser Satz in seiner merkwürdigen Düsternis hat ja Schumanns Zeitgenosssen damals  irritiert. Aus heutiger Sicht kann man sagen: Da klingt schon die psychische Krankheit durch, die wenige Zeit später ausbrechen sollte. Nagano hat diese Stimmung intensiv eingefangen, er ist der Partitur voll gerecht geworden. Ein sehr ansprechender Schumann, auch in der Wahl der Tempi - alles organisch, ohne übertriebene, aufgesetzte Kontraste.

Nüchtern und "beethovenesk" - Brahms Eins

Die Passagen, die sehr stark nach Beethoven klingen, hat Nagano durchaus "beethovenesk" gestaltet, wie auch bei Schumann sehr schön die melodischen Linien herausgearbeitet, das drängte nach vorne, aber niemals übertrieben, die Tempi waren sehr wohltuend gewählt. Und auch hier arbeitete der Maestro mit viel Transparenz, allerdings doch mit etwas mehr Vibrato in den Streichern. Sehr gut wurden die Schwierigkeiten hörbar, die Brahms mit der Verarbeitung seines musikalischen Materials hatte. Das war keine Revolution in der Brahms-Interpretation - ähnlich nüchtern geht z.B. auch der inzwischen hochbetagte Herbert Blomstedt an diese Musik heran - dennoch ging man am Ende erfüllt aus dem Saal.

Fazit: Öfter mal nach Hamburg fahren

Man sollte öfter mal von Berlin nach Hamburg fahren, um Kent Nagano dort als Generalmusikdirektor zu erleben. Als Ehrendirigent wird er glücklicherweise auch in Zukunft regelmäßig wiederkommen. Er ist, wenn man ihn mit gewissen jüngeren Stars der Dirigentenszene vergleicht, absolut unprätentiös, er inszeniert nicht sich selbst, sondern tritt hinter der Musik zurück - und das ist äußerst wohltuend!

Claus Fischer, rbbKultur

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