Yusif Eyvazov and Anna Netrebko © Vyacheslav Prokofyev/TASS/dpa
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Philharmonie Berlin - Anna Netrebko & Yusif Eyvazov

Bewertung:

Sie werden PR-wirksam als das "Traumpaar der Klassik" vermarktet. Und doch ist die Philharmonie nicht ausverkauft. Yusif Eyvazov kann Anna Netrebko nicht das Wasser reichen. Aber man huldigt einem Superstar, das muss an diesem Abend genügen.

Die Auftritte sind perfekt inszeniert, fast sogar ein bisschen routiniert und erwartbar. Wo es operntechnisch angebracht ist, umarmt man sich und tanzt auch ein bisschen Walzer. Der Abend schnurrt ab. Aber natürlich ist klar, wer hier der Superstar ist und wer das Anhängsel. Stimmlich hat Anna Netrebko Yusif Eyvazov jederzeit im Griff.

Entsprechend ist das inszeniert: Er tritt korrekt mit Frack, Fliege und rotem Einstecktüchlein auf. Sie trägt vor der Pause ein leichtes himbeerfarbenes Kleid mit langer Schleppe – da muss Yusif Eyvazov sogar einmal beim gemeinsamen Abgang eine Vollbremsung hinlegen, damit er ihr nicht drauftritt. Nach der Pause kommt sie mit repräsentativem weißem Kleid mit gepardartigen schwarzen Flecken. Trotz der Kleider: Sie hat die Hosen an.

Zu teuer?

Der Abend war nicht ausverkauft. Und das waren nicht ein paar Plätze, wo vielleicht ein paar aus Angst vor einer Corona-Ansteckung zu Hause geblieben sind, sondern halbe Reihen und Blöcke leer, wo hingegen die Blöcke mit den preiswerteren Karten so gut wie voll waren.

Hat man mit den Eintrittspreisen vielleicht doch zu sehr übertrieben? Die teuerste Karte kostete an der Abendkasse 433,25 Euro. Kein Wunder, dass bei der Abholung der Pressekarte nach dem Ausweis gefragt wurde …

Dunkle Schokolade

Man muss den ganzen Hype um Anna Netrebko nicht mögen, aber eine beeindruckende Stimme hat sie zweifellos. Gleich bei ihrem ersten Auftritt als Elisabeth in Verdis "Don Carlos" scheint sie die Mauern der Philharmonie zum Erzittern zu bringen. Ihre Stimme ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen und nachgedunkelt in Richtung des dramatischen Fachs. Das klingt nach dunkler Schokolade mit mindestens 70 Prozent Kakaoanteil, Tendenz zu 80 Prozent.

Der späte Verdi ist überhaupt im Moment ihr Paradegebiet, diese tragischen und beladenen Partien. Ein bisschen Probleme bekommt sie mit der Höhe im leisen Bereich. Vor allem scheint ihr jede Leichtigkeit abhanden gekommen zu sein. Nach der Pause singt sie die "Musetta"-Arie aus Puccinis "La Bohème". Da wird man wie nach sechs Monaten Fitness-Studio für die Stimme niedergeschrieen. Diese Partie sollte sie inzwischen meiden.

Guter Durchschnitt

Yusif Eyvazov versucht, so gut wie möglich mitzukommen. Er hat eine relativ schmale Stimme, die schnell scharf wird, man spürt das Messer an der Gurgel. Die Spitzentöne gelingen, aber oft gestemmt wie beim Gewichtheben.

Ja, die Höhe als Tenor hat er sicher, aber das haben viele. Yusif Eyvazov ist guter Durchschnitt, aber nicht mehr. Dass er an der Seite von Anna Netrebko singt, ist einzig der Tatsache geschuldet, dass er der Ehemann dieses Superstars ist.

Passt nicht zusammen

Und die Duette? Wenn Anna Netrebko aufdreht, hat es eine Rundheit, Körperlichkeit und Dichte, wenngleich gestalterisch erwartbar und langweilig Yusif Eyvazov klingt gefühlt ein paar Meter im Hintergrund. Die große Szene aus dem 1. Akt von Puccinis „La Bohème“ offenbart die ganze Problematik: Anna Netrebkos Sopran ist für die Mimì inzwischen zu gewichtig und massiv, während Yusif Eyvazov zu kraftlos agiert.

Das passt einfach nicht zusammen. Sicher wäre es unfair, solche Traumaufnahmen wie die mit Mirella Freni und Luciano Pavarotti zum Vergleich anzuführen – das war nicht nur stimmlich geölt – da sind auch echte Charaktere erfahrbar, das geht unter die Haut. Aber für diesen Hype und diese Eintrittspreise darf man dann doch vom „Traumpaar“ Netrebko/Eyvazov enttäuscht sein.

Andreas Göbel, rbbKultur

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