Christof Fischesser (Zuniga), Marina Domashenko (Carmen); Rolando Vill
© Monika Rittershaus | Bild: Monika Rittershaus/Staatsoper

Bühne - Staatsoper Berlin: "Carmen"

Bewertung:

Oper von Georges Bizet

Der österreichische Regisseur Martin Kušej gehört zu den vier bis fünf heißesten Tickets im heutigen Opern- und Schauspiel-Business. Ein Klischeeverderber, dessen herbe Bildwelten (zumeist mit dem Bühnenbildner Jens Kilian) Kulinarik durch Besessenheit und Intensität glückhaft ersetzt. Jedenfalls dann, wenn's gut geht, so wie in Schrekers "Gezeichneten" in Stuttgart oder in Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" am Hamburger Thalia Theater (ehemals beim Berliner Theatertreffen).

Kušejs Markenzeichen: viel Wasser auf der Bühne. Das ist zumeist Bild für den Dreck, in dem wir alle sitzen. Das Personal der "Carmen" ist bei ihm eine Gesellschaft von Todesjüngern. Don José schaut seinem Erschießungskommando (nach dem Bild von Goya) sehenden Auges ins Angesicht. Stiermacho Escamillo umflirtet Carmen, während er eitel der Corrida entgegenstirbt. Und Micaela läuft bei allfälligen Schusswechseln ihrem Geliebten doof vor die Flinte. Sie alle wollen nur eines: das Ende. Dass es bis dahin dauern kann, beweist das Leben – und Bizets vierstündiger Opernreisser.

Kušej entkleidet den blut- und gefühlstriefenden Plot bis auf den harten, zynischen Kern. Darauf, dass es beim Werben um die fatale Frau um nichts als Lebensüberdruss und Todverfallenheit geht. Versteht sich, dass bei diesem Ansatz für spanische Fächer, Pailletten und Kastagnetten nur so viel Platz bleibt, wie die Musik eben vorschreibt. Kušej schickt diese Carmen buchstäblich in die Wüste: Die Zigarettenfabrik ist ein halbversunkener Wüstenbunker (und abgesackter Castorf-Container). Die Schmuggler-Gegend gleicht einer Sakralruine aus Filmen Tarkowskijs, die Kneipe einer Zisterne, wo zur aufpeitschenden Musik Bizets eine Wasserschlacht stattfindet. Das hat goyesk-finstere Züge, auch wenn auf der Bühne die Sonne sengt. Und die Stierkampfarena? Eine Piazza der kollektiven Einbildung und Massenhysterie.

Carmen, der Opern-Blockbuster, wird so auf den Boden einer unschönen Wirklichkeit geholt, und doch wirkt die Aufführung fast konventionell. Sie drängt sich nicht auf, sondern stellt das Unheilsgeschehen in superb beleuchteten Räumen (Licht: Reinhard Traub) aus. Den Wüstenwind, der Carmens rotes Tuch virtuos durch die Lüfte weht, hat sich die Staatsoper was kosten lassen. Wer in gleissender Sonne attraktiv aufgebahrt wird, ist Carmen als französischer Wüsten-Patient. Ein Schmachtfetzen am Bluttropf. Hoffnungslos. Pessimistisch. Man kommt richtig geläutert wieder heraus. Das alles würde nicht glänzend funktionieren, peitschte nicht Daniel Barenboim - mit viel Sinn für das Inszenierungskonzept - seine Staatskapelle temperamentssatt durch den Abend. Er dirigiert mit Schmackes - man kann es nicht anders sagen! Pumpt Herzblut durch die Partitur und legt dabei Nervenstränge frei. Die Dialoge (in etwas lätschernem Französisch) wenden das dann wieder ins Tragödische.

Ein Glück, dass man auch sängerisch Weltklasse hat. Marina Domashenko, die neueste Reise-Carmen aus Sibirien, ist dank glutrotem Mezzo ein erotisches Zentrum von leicht glasiger Stimmgewalt. Sie stünde noch besser da, stählen ihr nicht Spitzen-Sänger wie Rolando Villazon und Dorothea Röschmann ungewollt die Schau. Villazon, im Tenor-Zirkus der Nach-Pavarotti-Ära einer der grössten Hoffnungsträger, wirft sich mit Selbstentäusserung und überschlagender Latino-Pracht in den Don José, als gelte es das Leben. Auch Dorothea Röschmann kniet mit Innigkeit in der Partie der Micaela: die schönste Berliner Stimme seit den holden Tagen von Meta Seinemeyer und Irmgard Seefried. Leicht enttäuschend nur: Hanno Müller-Brachmann als Escamillo. Er verfügt über schmeichelnden Bariton und knackige Figur, aber nicht über die Linien (und Tiefe) der Partie.

Insgesamt ein grandioser Abend, zugleich Balsam auf die geknebelte Seele der Berliner Kultur. Die Liebenswürdigkeit, mit der Barenboim beim Schlussjubel den Regisseur auf die Bühne holte, spricht für sich anbahnende Kontinuitäten. Hoffentlich. Berlin darf umdenken, wenn es auch schwerfällt: Mit Aufführungen wie diesen ist eine Berliner Opernkrise nicht länger drin.

Kai Luehrs-Kaiser, Kulturradio am Morgen