Kirill Petrenko dirigiert in der leeren Philharmonie Berlin; © Monika Rittershaus
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Philharmonie Berlin - Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko

Bewertung:

Die Berliner Philharmoniker spielen in diesen erzwungenermaßen publikumslosen Zeiten vor leerem Saal, aber mit Publikum am Radio, Fernsehen und auf digitalen Kanälen – mit einem Repertoire, das sonst nicht zu hören wäre.

In Zeiten, in denen ein Konzertbesuch nicht möglich ist, kommt die Kultur dann doch multimedial an ihr Publikum. Wie beim aktuellen Konzert der Berliner Philharmoniker: in der Digital Concert Hall in Ton und Bild, das dann auch am 6. Juni im rbb Fernsehen. Live auch im Radio auf rbbKultur. Und nach dem Konzert in einer Lounge auf Facebook, übertragen von der Bühne der Philharmonie, wo die Hornistin Sarah Willis mit drei Kollegen fröhlich bei einem Glas Rotwein plaudert, immer mit Blick auf die Kommentarfunktion.

Das Konzert selbst gab es ganz klassisch und nüchtern von der großen Bühne, auf der es genug Platz für die notwendigen Sicherheitsabstände gibt. Immerhin ist inzwischen schon etwas mehr möglich – in Schönbergs "Verklärter Nacht" waren dann doch neunzehn Streicher aufgeboten. In der derzeiten Situation ist das schon eine ganze Menge.

Ungewöhnliches Repertoire

Vieles kann derzeit nicht stattfinden, aber durch die Herausforderung, das zu spielen, was möglich ist, erschließt sich ein Repertoire, das im Normalfall so sicher nicht auf den Podien zu hören gewesen wäre.

Debussys "Prélude à l'après-midi d'un faune" gibt es in einer Kammerfassung, Schönbergs "Verklärte Nacht" als Streichorchester. Und Hindemiths erste Kammermusik bekommt man sonst eigentlich nie angeboten.

Kompromissfassung

Die Idee, Claude Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“ in einer reduzierten Besetzung zu spielen, die immerhin vor einem Jahrhundert ein Schönberg-Schüler erstellt hat, liegt eigentlich nahe – ist dieses Werk doch auch im Original zart und ätherisch. Die Flöte, das eigentliche Soloinstrument, das den Faun verkörpert, kann auch hier dieses kaum greifbare schwerelose Flirren und Flimmern vermitteln.

Und doch – auch wenn der Soloflötist der Berliner Philharmoniker Emmanuel Pahud das alles in gewohnt brillanter Vollendung umsetzt – kann diese Kammerversion nicht die unzähligen Pastellschattierungen des Originals bieten. Das vermittelt sich hier deutlich nüchterner – ist aber dadurch auch Spiegel dieser Zeit mit ihren notwendigen Beschränkungen.

Kein Skandal

Paul Hindemiths erste Kammermusik muss vor einem knappen Jahrhundert bei ihrer Uraufführung ein Skandal gewesen sein. Das war dann doch für das Publikum zu viel, wenn sich in die grellen Farben auch noch Unterhaltungsmusik der zwanziger Jahre mischte.

Davon kann man sich heute nur noch schwer in Bild machen, von dem Sarkastischen, Frechen dieser Musik, die einem die Zunge, wenn nicht sogar den Mittelfinger entgegen streckt. Das ist aber auch nicht so ganz die Musik von Kirill Petrenko. Er hat das alles sachlich durchdirigiert, aber die Unverschämtheit dieses Werkes vermittelte sich dann doch allzu zahm und freundlich.

Drama und Emotion

Umso mehr machte sich Kirill Petrenko Arnold Schönbergs „Verklärte Nacht“ zueigen. Es war zu sehen, wie sehr er mit den Seelenqualen der Frau in der Gedichtvorlage, die von einem anderen Mann schwanger ist, mitgelitten hat. Mit fordernden Gesten hat er von seinen neunzehn Streichern den äußersten Einsatz verlangt – und auch bekommen.

Das hatte alles, was man sich nur wünschen konnte – die Unruhe im ersten Teil, so intensiv, dass man Angst hatte, das Holz der Streichinstrumente könnte splittern. Und dann die Wärme und Schwerelosigkeit, wenn sich am Ende alles in Dur auflöst. Das schien mehrere Zentimenter über dem Boden zu schweben. Schöner kann man das nicht spielen.

Andreas Göbel, rbbKultur

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