Avi Avital © Christie Goodwin
Christie Goodwin
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Nikolaisaal Potsdam - ECHT JETZT?! Fest der leisen Töne mit Avi Avital

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Endlich wieder vor Publikum. Avi Avital hat die Zwischenzeit genutzt und sich mal eben Mandola beigebracht. Das Ergebnis kann sich hören lassen – wie der ganze Abend zusammen mit Musiker*innen der Kammerakademie Potsdam

Das ist sie wohl, die neue Normalität. Man kann wieder ins Konzert, allerdings nur in reduzierter Anzahl wegen der Abstandsregeln. Da müssen zwischendurch Plätze frei bleiben. Man wurde am Eingang persönlich in Empfang genommen und auf den Platz begleitet. Dort durfte man seine Maske abnehmen.

Wer zum Händewaschen musste, hatte einen komplizierten Weg in der Art einer Einbahnstraße zurückzulegen, damit einem niemand entgegen kommt. Das war ein bisschen wie bei einer Schnitzeljagd – wo muss man jetzt lang?! Kurz: der Nikolaisaal Potsdam hat alles getan, um unter den aktuellen Bedingungen wieder Konzerte mit Publikum möglich zu machen.

Zeit genutzt

Auch der Mandolinenvirtuose Avi Avital konnte drei Monate lang nicht auftreten, war jetzt glücklich und dankbar, endlich mal wieder nicht nur gestreamt aus einem leeren Saal spielen zu können. Aber er hat die Zwischenzeit des Lockdown genutzt und sich mal eben Mandola beigebracht.

Das ist die tiefere Mandoline, in etwa vergleichbar im Verhältnis Geige – Bratsche. Und er hat nicht nur das Instrument gelernt, sondern auch mal eben alle Bach-Cellosuiten dafür eingerichtet und einstudiert. Und so war es eine absolute Premiere: Bachs erste Cellosuite auf der Mandola.

Rennpferd darf wieder

Funktioniert das?! Und wie! Wo das Cello den Ton halten und formen kann, hat das Anzupfen der Töne auf der Mandola etwas viel Leichtgängigeres. Hier hört man noch die Tanzsätze durchscheinen, die Bach gestaltet hat. Avi Avital spielt viel schneller als es jeder Cellist wagen würde. Aber es funktioniert durch die Verspieltheit und den fast aggressiven Zugriff.

Da ist auch der Künstler, der jetzt endlich wieder zu seinem Publikum darf. Wie ein Rennpferd, das zu lange im Stall gestanden hat und nun endlich durchstarten darf. Die Premiere auf der Mandola: für Avi Avital gelungen.

Geige solo – aber oho

In den Reihen der Kammerakademie Potsdam gibt es, wie jetzt zu hören, zwei junge großartige Geigentalente, die mit Alter Musik hochkompetent umgehen können. Da spielt die Kanadierin Maia Cabeza zwei Solofantasien von Georg Philipp Telemann, in denen man auf diesem Instrument alleine ohne Begleitung einen kompletten melodisch-harmonischen Kosmos darstellen muss. Und man meint, ein ganzes Geigenensemble zu hören, so raumfüllend war das.

Suyeon Kang arbeitet sich an einem komplexen und komplizierten Satz aus einer Suite von Johann Paul von Westhoff ab – Musik des Hochbarock mit einem ganzen Labyrinth an Strukturen. Interpretiert auf höchstem Niveau. Schade, dass es bei dieser Allemande geblieben ist. Da hätte man gerne mehr gehört.

Furor, Leidenschaft, Emotion

Ja, alle wollten wieder, unbedingt. Und so wurde das abschließende D-Dur-Konzert von Antonio Vivaldi, original für Laute, hier auf Avi Avitals Mandoline, zu einem verrückten, fast übermotivierten Spaß. Hätten alle die Ecksätze noch schneller gespielt, wären sie wohl über ihre eigenen Beine gestolpert. Aber das hat gepasst: Musik als Furor, als Leidenschaft, als Emotion.

Überflüssig zu sagen, dass sich das auch auf das Publikum übertragen hat. Nach einer irrwitzigen Zugabe von Avi Avital kannte der Jubel keine Grenzen. Fast wie früher …

Andreas Göbel, rbbKultur

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