Daishin Kashimoto; © Daisuke Akita
Daisuke Akita
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ECHT JETZT?! | Nikolaisaal Potsdam - Daishin Kashimoto, Claudio Bohórquez & Denis Kozhukhin

Bewertung:

Zwei gewichtige Klaviertrios mit drei großartigen Musikern, interpretiert passend zu einem angenehmen Sommerabend. Wenig Konflikte, aber viel Vergnügen. Klassik zum Zurücklehnen mit Niveau.

Versammelt war hier ein Berliner All-Star-Trio: Der Geiger Daishin Kashimoto ist Erster Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, der Cellist Claudio Bohórquez ist Professor an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ und Denis Kozhukhin lebt mit seiner Familie ebenfalls in Berlin. Und wo derzeit wenig Konzerte stattfinden, hatten alle drei mal gleichzeitig Zeit.

Kammermusiker

Die drei spielen regelmäßig Kammermusik, aber bilden kein festes Klaviertrio. Das kann auch ein Vorteil sein: keine Spur von Routine, wo man alles kennt und alles schon mal gemacht hat. Hier muss man doch noch einmal genauer darauf achten, was die anderen beiden gerade vorhaben. Man sitzt auf der vorderen Stuhlkante, aber das tut der Sache gut.

Beethoven: Stroh wird Gold

Ein Klaviertrio von Ludwig van Beethoven – nichts Spektakuläres. Und doch: Das Trio op. 70 Nr. 2 ist ein bisschen das hässliche Entlein unter Beethovens Trios. Ein merkwürdiges Stück: vier Sätze, keiner davon richtig langsam. Dazu Allerweltsthemen, fast ein bisschen banal. Beethoven täuscht hier nette Unterhaltungsmusik vor.

Das Gegenteil ist der Fall. Das Stück ist richtig subversiv. Beethoven setzt alles so zusammen, dass man aufhorcht, weil ständig irgendetwas nicht stimmt. Die Nahtstellen sind erkennbar, jedes Instrument macht etwas anderes. Und das ist faszinierend: Man hört das scheinbar Bekannte neu. Beethoven gelingt es hier wieder einmal, aus Stroh Gold zu spinnen.

Lavastrom vs. Champagner

Die drei Trio-Akteure zeigen genau diese Nahtstellen, das, was nicht zusammenpasst. Wenn Geige und Cello eine Melodie spielen, die so breit und ausladend wie ein Lavastrom daherkommt, spielt das Klavier perlende Läufe. Der Pianist sagt, ist mir doch egal, und er öffnet eine Flasche Champagner. Alle machen, was sie wollen, aber genau das passt großartig zusammen.

Gute-Laune-Musik

Franz Schubert ist Glaubenssache. Da kann man sich an den unendlichen Melodien erfreuen. Man kann aber auch den lauernden Abgrund mitdenken. Natürlich: Schubert tut oft nur so, und alles Dur ist Illusion oder Traum von einer besseren Welt. Davon will diese Trioformation nicht viel wissen. Das ist Gute-Laune-Musik, und alle Gewitterwolken werden weggelächelt.

Konfetti, aber mit Niveau

Geht das? Darf man Schubert so unbeschwert spielen? Ja, an einem Sommerabend wie diesem ohnehin. Entscheidend ist ohnehin das Niveau. Und hier stimmt einfach alles. Da werden leichte Speisen gereicht, aber eben von Sterneköchen angerichtet.

Bei Schubert hat man ohnehin das Gefühl: das hört nie auf. Schubert fährt immer einmal mehr um den Block als unbedingt nötig. Aber wenn man das gut spielt, ist genau das das Schöne daran. Und alle drei punkten mit Tausenden von Klangnuancen. Das ist immer ein bisschen anders und immer zusammen und gemeinsam.

Und wenn es doch mal lang zu werden droht, streut der Pianist Denis Kozhukhin mit seinen Virtuosenfingern ein wenig Konfetti drüber. Leichtigkeit mit intensivem Abgang. Was will man mehr …

Andreas Göbel, rbbKultur

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