Elena Bashkirova © Maren Borchers/privat
Maren Borchers
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ECHT JETZT?! | Nikolaisaal Potsdam - Elena Bashkirova und Kammerakademie Potsdam

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Elena Bashkirova spielt Mozart – mehr braucht es eigentlich nicht. Und mit Mitgliedern der Kammerakademie Potsdam gelingen zwei hochverdichtete Interpretationen, denn: Elena Bashkirova trägt ihr Herz in ihren Fingern.

Die Überschrift des Konzertes hieß einfach nur: "Meisterwerke". Stimmt. Bei Mozart kann man mit diesem Attribut ohnehin kaum falsch liegen. Und in seinem Klavierkonzert KV 415 sorgt ein melancholischer Einschub im Finale für überraschende Erkenntnisse.

Das Hauptwerk war dann aber doch Mozarts Klavierquartett in g-Moll – eines der anspruchsvollsten Kammermusikwerke der damaligen Zeit, das die Zeitgenossen komplett überfordert hat. Wer leichte Unterhaltung wollte, bekam Anspruch, und kaum jemand kaufte die Noten. Heute wissen wir es besser: tatsächlich ein Meisterwerk.

Klavierkonzert als Kammermusik

Ein Klavierkonzert im Foyer des Nikolaisaals Potsdam? Im Original wäre das schwierig geworden auf der kleinen Bühne. Aber das war schon damals gängige Praxis in den Salons, die Besetzung einfach radikal zu reduzieren.

Das bedeutet: keine acht Bläser und Pauken, und die Streicher sind auf ein Streichquartett gekürzt. Es bleiben mit dem Solo-Klavier fünf Personen auf der Bühne. Das passt gerade so.

Impulse

Stargast des Abends war die Pianistin Elena Bashkirova. Sie ist vor allem ein großartige Kammermusikerin. Nicht umsonst Leiterin des Jerusalem Chamber Music Festival und des Berliner Ablegers "Intonations" im Jüdischen Museum.

Elena Bashkirova ist nicht die Solistenlöwin, die auf ihren Einsatz wartet und dann durchstartet. Sie ist von Anfang an mit den Streichern eng verbunden, körperlich spürbar dabei und mit zahllosen Impulsen an die anderen.

Gnadenlos subjektiv

Von historischer Aufführungspraxis hält Elena Bashkirova erkennbar gar nichts. Aber das stört nicht, denn sie ist eine hemmungslose Ausdrucksmusikerin. Wenn sie dran ist, schleicht sie sich gerne ein. Ihre Botschaft: Die Musik hat schon längst begonnen, bevor ihr das im Publikum überhaupt mitbekommen habt.

Mozart enthält viele Standardfiguren, aber eine Tonleiter etwa ist bei Elena Bashkirova nicht einfach eine Tonleiter, sondern eine Energieexplosion. Traurige Nachricht für Freunde stillen Wassers: Ihre Läufe haben richtig viel Kohlensäure.

Eigene Liga

Besser kann man mit Mozart nicht umgehen. Man hört diesen Mozart ja viel zu oft nett und unverbindlich. Das Spiel von Elena Bashkirova ist dagegen eine willkommene Herausforderung für alle, die zuhören. Und: Weghören kann man eigentlich nie.

Sie packt, will ständig etwas erzählen. Wenn sie Melodien zu spielen hat, hat das eine Verführungskraft, die jede Abstandsregel, jedes Umarmungsverbot missachtet. Lieber ist da mal eine Passage verhuscht, aber in Sachen Musikalität spielt sie in einer eigenen Liga.

Aufregend und unberechenbar

Das alles überträgt sich auch auf die Musikerinnen der Kammerakademie Potsdam. Die Einleitung zum Klavierkonzert ist da noch etwas nett, sauber und steif. Dann aber fängt Elena Bashkirova an, lässt ein paar Töne funkeln und setzt einige Akzente – und das überträgt sich! Ab da ist das Klangbild der Streicher voller Farben, man macht gemeinsam Musik und hat hörbar Spaß.

Dieser Abend hat noch einmal eines verdeutlicht: Gute Musik ist nie ordentlich – und Mozart schon gar nicht. Sondern immer aufregend und unberechenbar.

Andreas Göbel, rbbKultur

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