Pierre Boulez Saal: "Distance/Intimacy" mit Emanuel Pahud und Denis Kozhukhin; © arte
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Pierre Boulez Saal - "A Festival of New Music - Distance/Intimacy"

Bewertung:

Zehn zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten haben sich mit der ungewohnten Kombination von Distanz und Intimität künstlerisch beschäftigt und neue Werke geschrieben. Diese Werke kann man noch bis Sonntag im Rahmen des "Festival of New Music - Distance/ Intimacy" im Pierre Boulez Saal als kostenlose Live-Online-Konzerte immer jeweils um 18 Uhr streamen oder danach noch 30 Tage lang abrufen.

 

Ein sehr löbliches Unterfangen: 10 Uraufführungen in vier Tagen, jeweils als Konzerte um 18 Uhr (die Musik war allerdings auffgezeichnet!) und anschließend 30 Tage frei anzuschauen. Trotzdem kann eine gute Absicht auch schief gehen, wenn man die Gesetze der Dramaturgie missachtet. Die Kuratoren Daniel Barenboim und Emanuel Pahud im Gespräch mit dem Dramaturgen des Boulez Saals sollen die drei Stücke des ersten Abends beleuchten, einbetten und vielleicht erklären. Stattdessen geriet der Gesprächsanteil ganz außer Kontrolle, weil über alles und jedes geredet wurde, vorzugsweise ohne roten Faden. Viele richtige Dinge wurden da gesagt, auch viele Gemeinplätze, aber nach den ersten 10 Minuten Boulez 30 Minuten Gespräch oder auch Monolog (Barenboim…) - das tut der Musik mehr Unrecht als es etwas erhellt. Dann wieder zwischen den eigentlichen Uraufführungen noch weiter Gespräch und Interviewausschnitte etc..

Jeden Abend Boulez

Lassen wir also die Musik wenigstens hier voll zu ihrem Recht kommen. Warum jeden Abend am Anfang Boulez? Nun, wegen Daniel Barenboims fester Überzeugung, dass er der Urvater der Moderne sei. Boulez’ Sonatine für Flöte und Klavier aus dem Jahr 1946, ein Jugendwerk, klingt heute erstaunlich nach Debussy plus Aggression und Widerspenstigkeit, ab und zu tanzen Gnomen und Faune. Phantastisch gespielt von Emanuel Pahud und Denis Kozhukhin. Die erste Uraufführung, Johannes Boris Borowskis "Sphinxe" für 3 Streicher, Klavier und Schlagzeug. Borowski komponiert sehr traditionell, für ihn ist wirklich Boulez der Vater. Keine rätselhaften Sphinxe, sondern ein gesprächiges, manchmal geschwätziges Stück, aber letztlich ein Selbstgespräch.

Corona als Anregung

Corona soll ja die Anregung zu diesen Uraufführungen geben. Hier frappierte die Kreisläufigkeit der Musik, die letztlich von Einsamkeit zeugt. Aber eher unfreiwillig, denn der Wille zur Kommunikation war ja spürbar. Hatte man lang genug durchgehalten, wurde man reich belohnt. Irini Amargianaki wurde quasi zufällig von Barenboim entdeckt und erhielt hier ihre Chance, wenn auch keinen Platz in der Akademie oder gar ein Honorar.

Ein Klangkörper entsteht

Aischylos’ Eumeniden, die Rachegöttinen der Antike, treten hier packend, ergreifend, unter die Haut gehend auf. Hier wurde auch erstmals der Raum des Saales mehr genutzt, allerdings wie vorher war die Kameraführung eher hektisch und trug wenig zum Erlebnis bei. Schon die Soloflöte Pahuds am Anfang war ganz Stimme, die sich anreichert mit Schlagzeug und Sarah Aristidous alle Schattierungen der Verzweiflung darstellendem Sopran. Immer mehr Klänge treten hinzu, ein wahrer Klangkörper entsteht. Das hat Kraft und passt genau zur Gewalt, Verzweiflung und Wut der heutigen Zeit. Und dann tritt Klytemnästra auf die Straße und ruft vergeblich nach den Göttern. Dafür hatte sich das Einschalten dann doch gelohnt!

Clemens Goldberg, rbbKultur

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