Igor Levit © Felix Broede/Sony Classical
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Philharmonie Berlin - Musikfest Berlin: Igor Levit spielt Beethoven, Teil 1

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Das Musikfest Berlin darf stattfinden – und nach über fünf Monaten findet in der Philharmonie Berlin wieder ein Konzert vor Publikum statt. Und dann gleich mit Igor Levit und dem Auftakt seines Beethoven-Zyklus': analytisch, radikal und fokussiert.

Endlich wieder: Musik in der Berliner Philharmonie mit Publikum, und dennoch ist kaum etwas wie früher. Nicht einmal ein Viertel aller Plätze ist belegt. Hier nimmt man es ganz besonders streng: Wo woanders schon mehrere aus einem Haushalt zusammensitzen dürfen, ist alles separiert, alle einzeln, mit zwei Plätzen dazwischen frei. Das Publikum gelangt über verschiedene Eingänge auf verschiedenfarbigen Wegen ins Haus, man wird einzeln auf den nächstfreien Platz im Block geleitet, und die Maske darf man erst bei Konzertbeginn abnehmen.

Der schwere Anblick

Die Stimmung: zunächst eher gedämpft, logisch. Fast gespenstisch sogar. Kulturstaatsministerin Monika Grütters sprach in ihrem Grußwort bei aller Freude darüber, dass das Musikfest überhaupt stattfinden kann, doch sicher vielen aus dem Herzen, als sie sagte, es falle schwer, sich an diesen Anblick zu gewöhnen, und sie hoffe, dass man es auch nicht müsse.

Neuland mit Beethoven

Igor Levit spielt die 32 Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven nicht chronologisch, ganz bewusst nicht. Zwar beginnt er mit op. 2 Nr. 1, aber es geht ihm eher um Verbindungen zwischen einzelnen Sonaten. Hier hat er vier Sonaten gekoppelt, wo Beethoven ganz explizit Neuland betritt. Da wirbelt Beethoven die Satzfolge einer Sonate komplett durcheinander, da wird Ironie zum Prinzip erklärt, und in der "Waldstein-Sonate" überträgt Beethoven sinfonische Dimensionen auf das Klavier.

Weltverbesserungsleidenschaft

Igor Levit ist ein sehr analytischer, konzeptionell denkender Künstler. Und wo Monika Grütters in Bezug auf Beethoven von "Weltverbesserungsleidenschaft" spricht, trifft dies auch auf Igor Levit zu – zumal er jemand ist, der auch sehr politisch denkt und für den Kunst keine nette Unterhaltung ist, sondern auch durchaus etwas Radikales hat.

Das merkt man an teilweise extremen Ansätzen: besonders langsame oder besonders schnelle Tempi, extrem leise Stellen oder wütende Akzente, fast wie Faustschläge ins Gesicht, überschäumende Leidenschaft oder knäckebrottrockene Akkorde. "Normal" gibt es für Igor Levit nicht, und da trifft er sich durchaus mit Beethoven.

Wie Hauskonzert, nur direkt

Im Ohr bleiben da besonders die leisen Stellen. Igor Levit verfügt über einen traumhaften Anschlag, der es ihm erlaubt, bis an die Grenzen des Hörbaren zu gehen (einmal sogar darüber hinaus). Da wird der Große Saal mit seinen vielen leeren Plätzen plötzlich zu einem intimen Wohnzimmer. Irgendwie entsteht das Gefühl, man ist wieder bei Igor Levit zu Hause beim Hauskonzert, nur dass man diesmal eben nicht vor dem Computer sitzt, sondern meint, direkt vor Ort zu sein.

Und gerade in der "Waldstein-Sonate" entstehen leise Klänge im Flügel, als ob sie alleine bleiben wollte, nicht hinaus in die Öffentlichkeit, sondern Tür zu. Beeindruckend.

Unglaubliche Persönlichkeit

Dieser Beethoven-Zugang ist eine starke, sehr heutige Setzung. Diese Art von Radikalität hat einen Vorteil: Das lässt uns heute nachempfinden, warum viele Zeitgenossen Beethovens mit Unverständnis auf diese Avantgarde reagiert haben. Andererseits bedeutet diese Fokussierung auf Extreme auch, dass einfach anderes, was ebenfalls in dieser Musik steckt, zurücktreten muss. Wer den ersten Satz der "Waldstein-Sonate" so durchrast, fährt auch manches Detail einfach nur platt.

Igor Levit ist jedoch ein Pianist, der sich immer weiterentwickelt, niemals stehenbleibt. Und so lässt es sich denken, dass er in zehn oder fünfzehn Jahren wieder eine Gesamteinspielung der Beethoven-Sonaten vorlegt, dann wieder mit ganz neuen Facetten. Levit ist eine unglaubliche Persönlichkeit, von der wir heute noch längst nicht alles erfahren haben.

"Trees" als Zugabe

Am Ende: Bravo und Jubel, absolut verdient! Aber: Darf man das im Moment überhaupt? Auf jeden Fall kam Igor Levit um eine Zugabe nicht herum, und das in für ihn typischer Manier: kein Beethoven, dafür ein kleines Klavierstück des amerikanischen Jazzpianisten Fred Hersch. Das hat der in Zeiten des Lockdowns für Igor Levit komponiert: "Trees", ganz warm und intim. Levit hat das als Zugabe gespielt, weil ihm "einfach danach" war, bei dem von ihm so empfundenen "großen Glück, hier wieder hinein zu dürfen". Ein schöner Ausklang dieses Abends.

Andreas Göbel, rbbKultur

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