Kirill Petrenko dirigiert in der leeren Philharmonie Berlin; © Monika Rittershaus
Monika Rittershaus
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Werke von Andrew Norman, Richard Strauss und Dmitri Schostakowitsch - Die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko

Es ist ein Déjà-vu. Im Februar besuchte ich das letzte Konzert mit den Philharmonikern vor dem Lockdown. Es hat lange gedauert, fast bis zuletzt, bis die Kultureinrichtungen wieder live spielen durften. Wie lange wird es dieses Mal dauern?

Da ist auch Wut. Die in Bezug auf Corona-Sicherheitsbestimmungen vorbildlichsten Einrichtungen werden von den führenden Repräsentanten der Politik unter "Freizeit und Unterhaltung" in einem Atemzug mit Bordellen und Casinos aufgeführt. Das zeigt deutlich, wie wenig differenzierungsfähig sich die Politik in dieser Situation erneut erweist.

Richard Strauß’ "Metamorphosen" wurden 1944 begonnen, da lagen die Städte in Deutschland in Trümmern und Strauß begriff endlich, dass es auch mit seiner Kultur zu Ende ging. Seine Reaktion: Ein unglaublich gekonnt komponiertes jugendstiliges Wuchern und Raunen, eine Nostalgie des Schönklangs mit Beethovens Trauermarsch aus der 3. Sinfonie am Schluss.

Kirill Petrenko und die Philharmoniker spielen das ganz natürlich, ohne jede Sentimentalität, faszinierend fließend und gleichsam wie aus der emotionalen Distanz. Das ist überzeugend, dokumentiert aber auch die bestürzende geistige Ödniss der Komposition. War Strauß’ 1933 bei der Vertreibung der Juden aus den Orchestern nicht schon aufgefallen, dass darin das Ende der Kultur bestand?

Alles Bissige und Ironische liegt Petrenko fern

Andrew Normans "Sabina" ist ein gefälliges, hübsches Stück belanglosen zeitgenössischen Postimpressionismus. Das Morgengebet in Santa Sabina auf dem römischen Aventin bot aber in der lauten Stille der Philharmonie ein Erlebnis. Zu Anfang und am Schluss entsteht eine zerbrechliche Atmosphäre, die uns in dieser Situation nahe kommt.

Parallel zu Richard Strauß komponierte Dmitri Schostakowitsch 1945 seine 9. Sinfonie. Stalin erwartete sicherlich ein 90-minütiges Mammut-Sieges-Werk. Stattdiessen: knapp 30 Minuten Revue, Tingeltangel, Clowns, Nasedrehen und Tröten. Die Adressaten erkannten das und Schostakowitsch bekam Auftrittsverbot.

Auch hier große Leere. Petrenko nahm es lustig, brilliant, nonchalant. Alles Bissige und Ironische liegt ihm fern. Auch das brilliant gespielt, aber doch einer Dimension beraubt. Und auch in diesem Werk gibt es ein Moment der Wahrheit, das einsame Fagott über einen ganz leisen Grundton, von dem man gar nicht spürt, wo er herkommt.

Clemens Goldberg, rbbKultur

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