Joana Mallwitz dirigiert das Konzerthausorchester Berlin – Konzerthaus Berlin, 28.11.2020; © Martin Walz
Martin Walz
Bild: Martin Walz

Hauptstadtdebüt mit Franz Schuberts "Großer C-Dur-Sinfonie" - Konzerthaus Berlin: Joana Mallwitz dirigiert das Konzerthausorchester

Bewertung:

Ein großes, langes, aber auch unglaublich vielfältiges und gegensätzliches Werk stellte das Konzerthausorchester mit der Dirigentin Joana Mallwitz in einem digitalen Konzert dar. Das Setting ganz klassisch, Kameras zeigen wer gerade spielt oder besonders gut zuhört, wenn von ihm oder ihr die Rede ist.

Damit sind wir schon beim ganz Besonderen dieses Abends, nämlich einer sehr ausführlichen Vorstellung des Werks durch die Dirigentin. So etwas kann manchmal sehr peinlich sein, denn die Begabung des Redens über und des Machens von Musik gehen nicht immer Hand in Hand.

Enorme Begeisterung und gekonnte Körpersprache

Im Fall von Joana Mallwitz ging das ganz zwanglos, aber auch sehr konzentriert und ohne Plattitüden und billige Anbiederung. Ihre enorme Begeisterung und auch ihre Körpersprache, die sie sehr gekonnt mit dem Orchester einsetzt, waren hilfreich bei den vielen Details und Geschichten, die sie zum Werk vorstellte und unterlegte. Ich könnte mir vorstellen, dass für manche etwas viel vorausgesetzt wurde oder es zu detailliert zuging, aber es gab noch genug, was sehr gut verständlich und anregend war.

Erklärung des Werks

Da ich solche Formate auch oft mache, konnte ich gut nachvollziehen, wie diese Erklärungen und der Gang durch das Werk auch für das Orchester selbst sehr förderlich sein können. Denn sehr selten wird bei der Vorbereitung von Konzerten viel über das Werk geredet, man macht halt einfach. Wie vielschichtig, engagiert könnten doch manche Abende werden, wenn man sich die Zeit nähme, dies immer mal wieder bei den Proben zu tun. So hat doch Corona immer wieder auch positive, bedenkenswerte Aspekte.

Dramaturgisch ganz unglücklich war dann allerdings die Pause von 15 Minuten, in der die ganze aufgebaute Spannung verloren zu gehen drohte und wohl auch mancher "Viewer" abhanden kam. Das musste nun wieder eingeholt werden.

Joana Mallwitz dirigiert das Konzerthausorchester Berlin – Konzerthaus Berlin, 28.11.2020; © Martin Walz
Bild: Martin Walz

Natürlicher Fluss, rhythmische Energie

Mallwitz setzt sehr auf den natürlichen Fluss, nicht unähnlich wie Robin Ticciati beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin. Besonders wichtig war ihr die durchgängige rhythmische Energie. Manchmal hätte man sich mehr Mut zum Innehalten, zum Zuspitzen der extremen Gegensätze dieser Sinfonie gewünscht. Mehr Kantenschärfe. Brüche muss man manchmal auch übertreiben, damit sie beim Hörer wirklich ankommen. Da war noch mehr drin.

Mehr Augenmerk verdienten auch die magischen Verwandlungen, die zu selbstverständlich klangen. Sehr auffällig wie häufig Mallwitz sich weniger auf das Takt schlagen (sie dirigierte sowieso oft ohne Stab!) verzichtete und ganz auf Körperspannung und Körpersprache setzte, ohne Balletteinlagen zu geben. Ein spannender Ansatz. Besonders gefielen mir die launischen und innigen Momente.

In jedem Fall wird man bald nicht mehr über das Geschlecht dieser Künstlerin reden müssen.

Clemens Goldberg, rbbKultur

Video | Joana Mallwitz und das Konzerthausorchester

Weitere Rezensionen

Philharmonie Berlin: Russischer Abend mit Kirill Petrenko © Stephan Rabold
Stephan Rabold

Pilotprojekt: Konzert vor Publikum - Berliner Philharmoniker: Russischer Abend mit Kirill Petrenko

Wenn alles so gut organisiert und wie am Schnürchen laufen würde wie das große Live-Konzert-Experiment in der Philharmonie, dann bräuchten wir uns viel weniger Sorgen um die Beherrschung der Pandemie machen. Mindestens Deutschland, wenn nicht Europa, schaute wohl gebannt auf den Wagemut, 1.000 geimpfte Besucher*innen zum Konzert der Berliner Philharmoniker zuzulassen - FFP2-Masken inklusive.

Bewertung:
Deutsche Oper: Francesca da Rimini © Monika Rittershaus
Monika Rittershaus

Digitale Opern-Premiere - Deutsche Oper Berlin: "Francesca da Rimini"

Die fünfte Inszenierung von Christof Loy an der Deutschen Oper Berlin feierte digitale Premiere: "Francesca da Rimini", die Oper von Riccardo Zandonai, war 1914 ein Schlusslicht des sogenannten "Verismo" – eines Operngenres, das für leicht dirty gilt. Das Image von "Frauen am Rande des Nervenbruchs" ist nicht ganz falsch – auch hier nicht, obwohl die adlige Fransesca vom rivalisierenden Malatesta-Clan mit einem Fake-Ehemann aufs Kreuz gelegt wird.

Bewertung: