Kirill Petrenko; © Monika Rittershaus
Monika Rittershaus
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Daniil Trifonov, Klavier - Philharmonie Berlin: Die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko

Die Berliner Philharmoniker können dank ihres Testsystems derzeit auch in Großbesetzung ziemlich dicht auf der Bühne zusammensitzen. Und: Sie machen es. Im Januar das einzige der großen Berliner Orchester, das aktuelle Orchesterkonzerte anbietet. Ohne sie wäre das in dieser Hinsicht ein besonders trauriger Monat gewesen.

Sogar eine Uraufführung haben die Berliner Philharmoniker ermöglicht. Die isländische Komponistin Anna Thorvaldsdóttir ist Mitte 40 und schreibt gerne großbesetzte Orchesterwerke. Vor ziemlich genau zwei Jahren gab es schon mal ein anderes Stück von ihr bei den Berliner Philharmonikern. Leider konnte sie für die Uraufführung nicht zu den Proben anreisen – sie lebt derzeit in London, das wäre nicht gegangen. Stattdessen hat man ihr eine Probenaufnahme geschickt, so dass sie das wenigstens so anhören und, wo nötig, korrigieren konnte.

Klangliches Ökosystem

Das Thema ihres neuen Werkes mit dem Titel "Catamorphosis“, so sagt sie in einem vorab in der Digital Concert Hall ausgestrahlten Interview, ist unsere Erde, unser Ökosystem, das extrem bedroht ist. Sie hat diesen katastrophalen Zustand in ein klangliches Ökosystem übersetzt, das immer zu implodieren droht.

Wie klingt das nun? Etwas Rauschen, abgedämpfte Töne, Glissandi, also alles, was eine Klangflächenkomposition braucht, von denen es inzwischen Hunderte gibt. Mehr und mehr macht sich tonale Harmonie breit, mit ein wenig Gewusel zwischendurch. Das ist eines der Stücke, die ein Orchester ins Programm nimmt, um auch mal Neue Musik zu spielen, das aber ein Publikum, das nicht so Neue-Musik-affin ist, nicht abstößt. Als Untermalung eines Naturfilms wäre das absolut in Ordnung gewesen, als eigenständiges Werk ist es nicht der Rede wert.

Ein Sommermärchen

Josef Suks Sinfonische Dichtung "Ein Sommermärchen" hat einen tragischen Hintergrund: Der Komponist hatte seine Frau verloren und versuchte, so Kirill Petrenko im Interview zuvor, mit dem Leben Frieden zu schließen und im Leben durch die Natur Trost zu finden. Das ist ein sehr dichtes Werk, teilweise extrem komplex und irgendwo zwischen Spätromantik und Impressionismus. Petrenko schätzt diese Musik sehr – bereits vor 17 Jahren hatte er das Stück, damals noch als Generalmusikdirektor an der Komischen Oper hier in Berlin, angesetzt – eine der wenigen Aufnahmen, die es mit ihm aus dieser Zeit auf CD gibt.

Kirill Petrenko hat seine Begeisterung für diese Musik auf die Berliner Philharmoniker übertragen können. Da war nichts von den Schwierigkeiten zu merken, vielmehr eine durchleuchtete Duftigkeit. Das Schöne dabei: Der Kontrollfreak Petrenko hat bei aller Sorgfalt sogar das eine oder andere ein bisschen laufen lassen, das ist der Musik hervorragend bekommen. An der Länge konnte auch er natürlich nichts ändern. Die 50 Minuten hängen schon manchmal durch, aber auf der Habenseite bleiben unzählige packende Momente.

Schmusekatze und Tigerpranke

Einen prominenten Solisten hatten die Berliner Philharmoniker auch noch zu bieten: den russischen Pianisten Daniil Trifonov. Sergej Prokofjews erstes Klavierkonzert stand an, und wenn das jemand spielen kann, dann er. Das ist ein freches, geradezu unverschämtes Stück, das der Komponist als 18-jähriger Student für sich selbst geschrieben hat. Allzu viel Tiefgang hat das alles nicht, dafür ist es dermaßen ironisch, da wollte Prokofjew die Musikwelt ein bisschen ärgern, und auch heute noch fühlt man sich beim Hören ständig irgendwo gezwickt und gekniffen. Pianistisches Feuerwerk hat das auch, teilweise sogar sinnloses Gedonner. Eine akustische herausgestreckte Zunge.

Das muss man nicht spielen – aber Trifonov geht es mit seiner traumhaften Anschlagskultur an. Zwischen Schmusekatze und Tigerpranke ist alles dabei. Eine Farbpalette in allen Schattierungen und Nuancen. Schön in diesem Fall auch die Bilder des Pianisten in Nahaufnahme: Da hat man im Gesicht von Daniil Trifonov seine diebische Freude an der Aufführung sehen können, fast schon ein leichtes Grinsen. Nach 16 Minuten war alles vorbei, aber auf diesem Spitzenniveau lässt man es sich gefallen.

Andreas Göbel, rbbKultur

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