Berliner Philharmoniker und Kirill Petrenko (c) Monika Rittershaus
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Online-Festival | Digital Concert Hall - Berliner Philharmoniker: "Die Goldenen Zwanziger"

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Wenn wir an die "Goldenen 20er" denken, steigen uns berückende Bilder und Töne in der Fantasie auf: sexuelle Libertinage, Cabarets, Rauschgift, Zirkus, Tanzmusik, avantgardistische Kunst, Beginn des Kinos… Und doch gehört dazu auch die Wirtschaftskrise, Inflation, Arbeitslosigkeit, politische Extreme und Morde. Eine widersprüchliche Epoche, der sich die Philharmoniker mit einem ganzen Festival stellen.

Zum Auftakt gab es einen berückenden sinfonischen Erstling von Kurt Weill, der überhaupt der Eckstein des Festivals sein wird. Gleich die ersten monumentalen Akkorde sind ungeheuer vielschichtig, gleißend und lärmig. Dazu gibt es Tanzmusik, sentimentale Themen, Fugen, die zu Maschinen-Stampfen werden, gar pseudo-religiöse Choralanklänge, auch der Zirkus ist nicht fern.

Maßgeschneidert für Petrenko

Das war geradezu maßgeschneidert für Kirill Petrenko, der sein Orchester zu sehr sinnlicher, vielfarbiger und doch im großen Bogen gestalteter Interpretation anregte. Das ist sehr moderne, aber auch gut verständlich konstruierte und nicht zuletzt emotional unmittelbar ansprechende Musik. Bitte wieder aufführen!

Frappierend aktuell

Weniger typisch für die 20er als vielmehr geradezu frappierend aktuell ist Strawinskys Sicht auf Sophokles' Tragödie "Ödipus rex". In Theben herrscht die Pest, Schauspieler tragen Masken, es gibt einen Chor, der heute Luxus geworden ist, die Sprache ist streng, asketisch, fast das Gegenteil zur Opulenz der 20er Jahre. Man kann nur schuldig werden, wenn man handelt. Es gibt einen Seher, den niemand hören will. Wie aktuell!

Strawinsky bleibt hinter dem "Erlebnis Weill" zurück

Die ganz hervorragende Sprecherin Bibiana Beglau kommentiert auf Deutsch das auf Latein dargebotene Geschehen, das dadurch zeitlos wahr werden soll. Strawinsky liefert eigentlich in asketischen, herben Klängen eine Anklage an die Götter, die den Menschen fast notwendig scheitern lassen.

Die Herren des Rundfunkchors stehen in weitem Abstand, sie sind das Rückgrat des Oratoriums. Berührend, sie endlich wieder zu hören, bewundernswert die Homogenität trotz der Corona-Abstände. Die Solisten klangen oft etwas zu opernhaft, man hätte sich da zum Beispiel bei Andrea Mastronis Tiresias weniger Vibrato und mehr seherische Vision ohne Romantik gewünscht. Die romantisierende Präsenz der Sänger verhinderte denn auch, dass ein Spannungsverhältnis zum Orchester mit seinen einerseits abstrakten und scharfen, antikisierenden Klängen, andererseits tänzerischen und innerlich vibrierenden Klängen entstehen konnte.

Auch die Klangbalance der Aufnahme war nicht immer sehr glücklich. So klang Strawinsky zwar interessant als Stück, blieb aber doch hinter dem Erlebnis Weill weit zurück.

Clemens Goldberg, rbbKultur

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