Thomas Søndergård © Andy Buchanan
Andy Buchanan
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Online-Festival "Die Goldenen Zwanziger" - Berliner Philharmoniker: Thomas Søndergård dirigiert Prokofjew, Sibelius u. Weill

Bewertung:

Ein bisschen Notprogramm war es schon – eigentlich sollte Donald Runnicles dirigieren – aber er konnte wegen der schwierigen Einreisebestimmungen derzeit nicht kommen, und so musste kurzfristig Thomas Søndergård einspringen – sein Debüt bei den Philharmonikern.

Das Motto "Die Goldenen Zwanziger" konnte gehalten werden, allerdings eher der Entstehungszeit verpflichtet. Das Gefühl dieser Zeit zeigte sich eigentlich nur in Kurt Weills Suite aus "Mahagonny".

Das ist ein anderer Klang als der gewohnt gediegene philharmonische Klang – ein Banjo ist dabei, auch Saxophone. Und trotzdem wirkt das bei den Philharmonikern ziemlich gediegen. Jazz-Anleihen – ja, aber eher freundlich und harmlos umgesetzt, nichts vom Frechen und Unverschämten, das es damals ausgelöst haben mag. Sicher – das ist nun schon fast ein Jahrhundert her – aber das war dann doch eher ein zahnloser Tiger.

Alles unter Kopfhörern

Ähnlicher Befund in der Suite aus Sergej Prokofjews Oper "Die Liebe zu drei Orangen". Das hatte Knackigkeit, Präzision und Trockenheit – aber das war es dann auch. Egal, was man den Philharmonikern vorsetzt – mit einer professionellen Umsetzung kann man rechnen. Die Frage ist nur, was dazukommt. Hier blieb es beim Fragen.

Immerhin – in der 6. Sinfonie von Jean Sibelius konnte Thomas Søndergård punkten. Das ist Musik, die der Komponist geschrieben hat, lange nachdem er sich von der musikalischen Avantgarde seiner Zeit verabschiedet hat. Frisches Quellwasser, knapp über null Grad. Diese Musik duzt nicht, bleibt beim Sie. Und so konnte man diese sprudelnde Klarheit aus der Distanz auch genießen.

Gutes Debüt unter schwierigen Bedingungen

Niemand hat es leicht, derzeit unter den geltenden Bedingungen einspringen und debütieren zu müssen – alles ohne Publikum nur vor Kameras und Mikrofonen. Thomas Søndergård hat das genutzt. Und was sich vielleicht so etwas trocken und beflissen vermittelt hat, wäre vor vollem Haus mit begeistertem Publikum ganz anders gelaufen.

Man muss es den Philharmonikern hoch anrechnen: Wo andere derzeit gar nichts Aktuelles anbieten, machen sie viel möglich. Aber es zeigt eben auch: Digital ist momentan die einzige Möglichkeit, Kultur zu bekommen. Und gerade eine solche Zeit wie die 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit ihrer pulsierenden Musik bräuchte eine Widerspiegelung mit Publikum – und das analog im Saal.

Dagmar Manzel

Die wunderbare Schauspielerin – und inzwischen längst auch Sängerin – Dagmar Manzel war via Digital Concert Hall auch zu erleben: in der Umbaupause in einem historischen Abriss, den der Historiker und Kulturpublizist Oliver Hilmes über die 20er-Jahre verfasst hat, hinterlegt mit historischen Bildern.

Andreas Göbel, rbbKultur

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