Berliner Staatsoper: "Jenůfa" © Bernd Uhlig
Bernd Uhlig
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Digitale Opern-Premiere - Staatsoper Berlin: "Jenůfa"

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Vor neun Jahren, damals an der Deutschen Oper, gab es zuletzt eine Neuinszenierung einer der wirkungsträchtigsten Opern überhaupt, Leoš Janáčeks Erstling "Jenůfa". Die Küsterin, die das Kind ihrer Stieftochter ertränkt, tut dies aus einer Art religiösen Verblendung. Sie bereut zutiefst, was am Ende zu einer großartigen Versöhnungsorgie führt. In kaum einem Werk habe ich im Parkett so viele schöne Tränen fließen sehen wie hier.

Ob die Staatsopern-Produktion von Damiano Michelietto das Zeug zu solcher Gefühlsentfesselung hätte, lässt sich bei der TV-Übertragung vor leerem Haus nicht gut absehen. Michelietto tut aber eher alles, um es zu verhindern. Die schreckliche Eismetaphorik, bei der ein Felsblock (der Eis darstellen soll!) vom Himmel ragt, dazu die grässliche Wollfaden-Symbolik: Dies sind eher Mittel von gestern.

Leoš Janáček: Jenůfa © Bernd Uhlig
Bild: Staatsoper/ Bernd Uhlig

Hinter grün und bläulich neonleuchtenden Plexiglas-Lamellen erscheinen fast alle wie Labortierchen im klinischen Selbstversuch.

"Erste Sahne"-Sängerinnen und Sänger

Die Sänger sind durch die Bank weg "erste Sahne". Man könnte auch sagen: erste Kanone, denn es handelt sich vorzugsweise um Wagner- und Strauss-Stimmen. Camilla Nylund in der Titelrolle klingt wie eine Strauss-"Frau ohne Schatten" auf Abwegen (mithin eine Spur zu reif). Stuart Skelton (Laca) ist ein Tristan im Homeoffice. Und Evelyn Herlitzius (die als Küsterin letztes Jahr auch and der Deutschen Oper zu sehen war) gibt zwar nicht die Furie oder Megäre vom Dienst (als die man diese Rolle manchmal dargestellt findet). Aber dennoch recht militant.

So sehr wird von allen "draufgehalten", dass der einzige Muttersprachler, Ladislav Elgr, nicht mehr richtig artikulieren kann (um mithalten zu können). "Jenofa" singt er (statt "Jenufa"). Tribut an zu viel der Wagnerisierung.

Leoš Janáček: Jenůfa © Bernd Uhlig
Bild: Staatsoper/ Bernd Uhlig

Hoher Erregungspegel

Der Verdacht, die Aufführung sei hauptsächlich wegen Simon Rattle angesetzt worden, dürfte nicht ganz unbegründet sein. Rattle dirigiert straff, sehning, fest verpanzert und gefühlsdicht. Im 2. Akt allerdings auch sehr schön leise.

Weniger Erregungspegel, zumal angesichts einer TV-Übertragung, wäre sicher mehr gewesen. Die musikalisch Beteiligten selbst sind nicht von schlechten Eltern.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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