ARCHIV - 09.11.2018, Igor Levit, russisch-deutscher Pianist, spielt auf der Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen Klavier. (Quelle: dpa/Woitas)
dpa/Woitas
Bild: dpa/Woitas Download (mp3, 4 MB)

Igor Levit, Klavier - Philharmonie Berlin: Die Berliner Philharmoniker unter Paavo Järvi

Bewertung:

Beethovens 5. Klavierkonzert und Prokofjews 6. Sinfonie – kann man beides spielen. Aber wenn es so überwältigend aufgeführt wird, bleibt es für lange im Gedächtnis. Eine – nein: zwei Sternstunden.

Igor Levit hat es vor dem Konzert in einem Gespräch Paavo Järvi gesagt: In Beethovens fünftem Klavierkonzert hat das Klavier oft die Funktion einer Orchesterbegleitung. Und Levit nimmt das ernst. Da nutzen andere Pianisten das Konzert, um zu zeigen, was sie in den Fingern haben. Motto: Pianist spielt, Orchester muss begleiten. Es geht auch anders.

Das Orchester im Flügel

Was ist hier anders?! Schon der Beginn: ein paar Akkorde vom Orchester, und der Pianist kann sich austoben und virtuose glitzernde Passagen spielen. Der Chef in der Manege halt. Igor Levit macht genau das Gegenteil und füllt eigentlich nur den Orchesterklang. Technisch ist das ohnehin lächerlich für ihn, aber durch seinen traumhaften Anschlag liefert er jeden Ton mit absoluter Präzision ab – aber so, als ob das Orchester im Flügel weiterlebt.

Das Heroische – "Emperor Concerto" – unterläuft Igor Levit mit sanften Momenten – um dann doch im langsamen Satz, der oft zu sentimental gerät, fast nüchtern und neutral zu agieren. Zu oft hört man das als zwei kantige Ecksätze und in der Mitte ein verträumter langsamer Satz. Hier war zu hören: Da ist mehr, eine Fülle von Nuancen – beeindruckend.

Keine Routine

Wie oft haben die Berliner Philharmoniker dieses Konzert schon begleitet. Und doch so manches Mal eher routiniert. Hier gar nicht. Welche Intimität, welche melodischen Momente, gerade in den Bläsern. Von einem so liebevoll aufspielenden Orchester begleitet zu werden, ist einfach nur ein Traum. Hier war es so.

Eiffelturm auf Wanderschaft

Sergej Prokofjews sechste Sinfonie hört man selten. Aber Paavo Järvi ist dieses Werk wirklich wichtig, das hat er nicht nur in einem Interview vermittelt, das in der Konzertpause ausgestrahlt wurde. Ein Werk von absoluter Ambivalenz. Da ist das Volkstümliche, der Humor, der Sarkasmus. Und eine Musik, die immer für Überraschungen gut ist.

Da scheint manches überhaupt nicht zu stimmen. Und erst nach ausgiebiger Probenarbeit wird deutlich, dass es genau so sein muss. Prokofjew selbst hatte eine köstlich absurde Phantasie, wie Järvi erwähnt. In einer von Prokofjews Kurzgeschichten begibt sich der Eiffelturm mal eben auf Wanderschaft. Und so ist eben auch die Musik des Komponisten: phantastisch, witzig – und brutal ernst.

Die Schreie der Sterbenden

Und genau so hat Paavo Järvi diese Sechste von Prokofjew interpretiert. Da wurde klar, wo Prokofjew den stalinistischen Anforderungen nachkommen musste, wo es vordergründig triumphal und volkstümlich, eher: gezwungen volkstümelnd daherkommt. Und wo es eben sarkastisch und böse und ironisch ist, wo es ganz einfach nicht stimmen – soll. Wo man sich fragt, was der Unsinn zu bedeuten habe – und das ist eben schon die richtige Frage und Antwort.

Aber eben auch die Ernsthaftigkeit, der Versuch, Wärme und Schönheit zu schaffen – und daran zu scheitern. Die Nachwehen des Zweiten Weltkriegs, wo man die Schreie der Verwundeten und Sterbenden zu hören meint. Dieses Ambivalente in diesem Werk so brutal ehrlich aufzuzeigen – das ist Paavo Järvi mit den Berliner Philharmonikern auf erschütternde Weise gelungen. Eine der besten Aufführungen dieses Werkes überhaupt.

Andreas Göbel, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Philharmonie Berlin: Russischer Abend mit Kirill Petrenko © Stephan Rabold
Stephan Rabold

Pilotprojekt: Konzert vor Publikum - Berliner Philharmoniker: Russischer Abend mit Kirill Petrenko

Wenn alles so gut organisiert und wie am Schnürchen laufen würde wie das große Live-Konzert-Experiment in der Philharmonie, dann bräuchten wir uns viel weniger Sorgen um die Beherrschung der Pandemie machen. Mindestens Deutschland, wenn nicht Europa, schaute wohl gebannt auf den Wagemut, 1.000 geimpfte Besucher*innen zum Konzert der Berliner Philharmoniker zuzulassen - FFP2-Masken inklusive.

Bewertung:
Deutsche Oper: Francesca da Rimini © Monika Rittershaus
Monika Rittershaus

Digitale Opern-Premiere - Deutsche Oper Berlin: "Francesca da Rimini"

Die fünfte Inszenierung von Christof Loy an der Deutschen Oper Berlin feierte digitale Premiere: "Francesca da Rimini", die Oper von Riccardo Zandonai, war 1914 ein Schlusslicht des sogenannten "Verismo" – eines Operngenres, das für leicht dirty gilt. Das Image von "Frauen am Rande des Nervenbruchs" ist nicht ganz falsch – auch hier nicht, obwohl die adlige Fransesca vom rivalisierenden Malatesta-Clan mit einem Fake-Ehemann aufs Kreuz gelegt wird.

Bewertung: