Europakonzert 2021 der Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko im Foyer der Philharmonie Berlin; © Stephan Rabold
Stephan Rabold
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Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko - Das Europakonzert der Berliner Philharmoniker

Bewertung:

Die Idee ist gut: Wenn man auch in diesem Jahr pandemiebedingt nicht reisen darf, findet das Europakonzert der Berliner Philharmoniker halt wieder in der heimischen Philharmonie statt – diesmal im Foyer. Schöne Bilder mit musikalischem Fragezeichen.

Das sieht gut aus: Die vier Orchestergruppen in Mozarts Notturno sind denkbar weit auseinander gesetzt und spielen doch zusammen. Kirill Petrenko dirigiert unten, bezeichnenderweise vor der großen überbelichteten Photographie mit Podium und vollem Saal, alles unscharf.

Das Hauptorchester vor sich unten, die anderen drei Echoorchester im gewissermaßen ersten Stock, zwei rechts davon, das andere von unten nicht mehr sichtbar vor dem Eingang Block B rechts. Da hat man wirklich alles ausgenutzt, was in diesem bis heute bahnbrechenden Foyer denkbar wäre.

Das Foyer als Hauptakteur

Alle hatten natürlich Monitore, um den Dirigenten besser sehen zu können – was im Zweifel nichts nutzte, denn durch die große Distanz verzögerte sich auch die akustische Übertragung. Mit viel Disziplin brachte man das alles ohne allzu schlimmes Klappern über die Runden. Die Idee hat es getoppt. Mozarts Notturno ist, von den Echoeffekten abgesehen, ein ziemlich banales Stück. Das Faszinierende an der ganzen Sache waren ohnehin die Kamerafahrten für die Fernseh-Übertragung.

Warum das alles? Der Geiger und Medienvorstand der Berliner Philharmoniker, Stanley Dodds, hat es gesagt: Das Foyer ist der Bereich, wo sich sonst das Publikum aufhält. Und wo im Moment dieses nicht kommen darf, ist das in der Philharmonie heimische Orchester eben da zu Gast, in der Hoffnung, dass das Publikum bald dorthin zurückkehren darf.

Raumklang – imaginär – und bald wirklich?

Da gibt es "The Unanswered Question" von Charles Ives. Dreigeteiltes Orchester: eine Trompete, die restlichen Bläser und die Streicher. Auch hier gut verteilt. Schön. Nur bleibt als Erkenntnis der Wunsch, das wirklich mal als Raummusik erleben zu können. In der Übertragung ist alles naturgemäß gut zusammengemischt. Wie wäre es, wenn man ein Konzert wie dieses wiederholte, wenn Publikum kommen dürfte. Nur so kann man diesen Effekt wirklich empfinden.

Kein Hauptgang

Das Hauptwerk des Konzerts war Peter Tschaikowskys dritte Orchestersuite. Warum? Sicher, das ist ein solide komponiertes, freundliches, durchaus unterhaltsames Stück. Das Problem ist nur: Tschaikowsky hat Gewichtigeres geschrieben. Das ist so, als wenn man vierzig Minuten Vorspeisen bekommt – und anschließend die Information: der Hauptgang fällt aus.

Sicher: Kirill Petrenko brennt für das Stück. Er feuerte alle an, wo er nur konnte. Nur war es für das Orchester noch zu neu, dazu zu ungewohnt an diesem Ort. Kurz: Man hat sich beim Zuhören gelangweilt. Und weil hier alle zusammen im unteren Foyer auf dem Podium saßen, waren auch die visuellen Momente eher erwartbar. Einzige Erkenntnis: Jetzt weiß man, warum dieses Werk so selten zu hören ist: wegen ziemlicher Substanzlosigkeit.

Gute Idee, aber …

Warum denn nicht. Mal dieses architektonisch so einmalige Foyer in den Mittelpunkt zu rücken, wenn die Pandemie Reisen nicht zulässt. Dass die beiden Hauptstücke von Mozart und Tschaikowsky nicht unter die Geniestreiche der beiden Komponisten zu zählen sind, ist das andere.

Fetziger Rausschmeißer mit John Adams‘ "Short Ride in a Fast Machine". Aber das richtige Stück für Kirill Petrenko? Er hält alles zusammen, aus Angst, man könnte bei diesen vertrackten Rhythmen aus der Kurve fliegen? Sicherheit ist ein hohes Gut, aber so klang es doch ziemlich nach Klotz am Bein. Fazit: Gute Idee mit dem Foyer, aber musikalisch hat man es recht schnell wieder vergessen.

Andreas Göbel, rbbKultur

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