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Neue Musik und Psychodrama - Die Berliner Philharmoniker unter Susanna Mälkki

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Die finnische Dirigentin Susanna Mälkki ist Spezialistin für die Musik der Moderne – da passt es gut, wenn sie bei den Berliner Philharmonikern eine deutsche Erstaufführung und einen Klassiker des 20. Jahrhunderts auf ihr Programm gesetzt hat.

Und gleich noch einmal Finnland: Kaija Saariaho, die renommierte Komponistin, hat ein neues Orchesterwerk geschrieben, an dessen Beauftragung die Philharmoniker beteiligt waren. "Vista" heißt es, und – wie die Dirigentin im auf Finnisch geführten Gespräch in der Digital Concert Hall mit dem Solobassisten des Orchesters Esko Laine erläuterte – meint "Wegweiser", der auf Aussichtspunkte aufmerksam machen will.

Das Stück gliedert sich in zwei Teile: der eine ist ruhiger gehalten, der andere deutlich rhythmisch akzentuiert.

Schlammpackung im Wellness-Paradies

Ein Spezialensemble braucht man für diese Partitur nicht. Kaija Saariaho weiß natürlich, wer ihre Auftraggeber sind. Und das sind Orchester, die auch im Blick haben, dass die neuen Werke bei ihnen ein Publikum erreichen sollen, das nicht speziell auf neue Musik fokussiert ist. Das ist eine Moderne, die nicht wehtut. Nicht tonal, aber doch mit Blick auf eine wie auch immer geartete Tradition. Eine Schlammpackung im Wellness-Paradies, danach eine etwas dynamischere Massage.

Ein bisschen Alibi ist das schon. Sicher: gut, dass es solche Beauftragungen gibt. Aber das Ergebnis war hier – wie so oft – eine Mainstream-Moderne. Kaija Saariaho hat schon deutlich innovativer komponiert. Hier wurde abgeliefert, was niemanden aufregt, weichgespülte Soße mit Schmelzkäse. Dieses Stück wird die Musikgeschichte des 21. Jahrhunderts garantiert nicht prägen oder gar verändern. Man hat das gehört – und auch gleich wieder vergessen.

Seelendrama an der Rampe

Ein psychologisches Seelendrama – oder ein Märchen? Was ist Béla Bartóks Operneinakter "Herzog Blaubarts Burg"? In Berlin hat es das auch szenisch immer mal gegeben. Länger her an der Deutschen Oper, wo Götz Friedrich das als Psycho-Durchleuchtung mit Röntgenbildern inszeniert hat – oder zuletzt an der Komischen Oper von Calixto Bieito als blutige Zwei-Personen-Tragödie.

Hier ist schon die Disposition eine andere. Beide stehen an der Rampe und schleudern – auswendig! – ihre Partien in den leeren Saal. Schon das hatte etwas Unwirkliches und durchaus Faszinierendes.

Psychologische Therapie als Modell

Nur zwei Personen braucht dieses Stück: Herzog Blaubart und Judith. Beide hätten nicht besser besetzt werden können. Johannes Martin Kränzle als Blaubart ist hier mal nicht der dämonische Frauenverschlinger, sondern eher jemand, der eine psychologische Praxis aufsucht, ein bisschen Hilfe haben möchte – und dann doch merkt, so sehr will er sich gar nicht offenbaren, und dann abblockt. Dieser Blaubart will sich nicht in seine Seele blicken lassen – am Ende ist es fast lakonisch – danke und tschüss.

Mit Ildikó Komlósi ist die Judith nicht als junges Mädchen gesetzt, die von Blaubart fasziniert ist und verblendet in die Falle tappt. Sie ist eher eine Art Therapeutin, die sich mit vielen Fragen einen Weg zu bahnen versucht, um Blaubart zu beraten, dann aber merkt, dass da nichts zu retten ist, weil der gar nicht will.

Beide interpretieren das Stück – glücklicherweise – nicht als Märchen mit düsterem Ausgang, sondern als Versuchsanordnung – kann man so machen oder auch nicht. Stimmlich ist es großartig.

Seelenräume mit Audio-Guide

Die Berliner Philharmoniker haben ihren Spaß an dieser üppigen Partitur – eine gigantische spätromantische Schlachteplatte, die Susanna Mälkki wohltuend sachlich auftischt. Das erzählt sich ja ohnehin von selbst – Folterkammer, Zaubergarten, Tränensee und so weiter.

Susanna Mälkki lotst das Orchester unsentimental mit klarer Zeichengebung durch die Klippen dieser Partitur und treibt der Musik allen Schwulst und alle Schwergewichtigkeit aus. Fast so sachlich wie eine Ausstellung von Punkt zu Punkt mit Audio-Guide.

Selten war das mal so klar, intelligent und aufgeklärt zu erleben wie hier.

Andreas Göbel, rbbKultur

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