RIAS Kammerchor Berlin; © Matthias Heyde
Matthias Heyde
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Der unbekannte Strawinsky - Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und RIAS Kammerchor

Bewertung:

Dieser Abend in der Berliner Philharmonie könnte unter einem Motto gestanden haben: alles, was man von Igor Strawinsky garantiert (fast) noch nie im Konzert erlebt hat.

Das hat auch seinen Grund: Einige Stücke dauern kaum eine Minute. Andere erfordern Besetzungen, die man nicht einfach mal so leicht zur Verfügung hat. Bestes Beispiel hier: "Les noces" in einer Fassung, begleitet von Schlagzeug, zwei Zymbals, Harmonium und Pianola. Und schließlich sind die Stücke gerade für die Singstimmen so schwer, dass man das kaum besetzt bekommt.

Inszenierter Abend

Das muss man erst einmal zusammenhalten. Knapp zwei Stunden, ohne Pause. Und die Regisseurin Anisha Bondy hat es auch optisch ein wenig verfeinert mit effektvollen Lichtwechseln (Beleuchtung: Diego Leetz), ein paar Gesten für den Chor und köstliche Personenregie für die Solisten.

Durch den Abend geleitet hat der Schauspieler Stefan Kaminski mit ein paar Infos zu Strawinsky selbst oder zu den einzelnen Werken. Das Schöne: Wo man sonst bestimmt ein halbes Dutzend Sprecherinnen und Sprecher gebraucht hätte – das macht er in bewährter Manier alles alleine – bis hin zur Mini-Ehekrise bei Noah. Denn in dem Stück "Die Flut" will Noahs Frau erstmal nicht mit auf die Arche ...

Appetit auf Geflügel

Sängerisch war es grandios: Die vielen Solistinnen und Solisten konnten ihre Vielseitigkeit unter Beweis stellen: mit sängerischer Kraft in "Les noces", aber auch darstellerisch in "Renard". In dieser Fabel hat der Fuchs Appetit auf Geflügel, den Hahn auch schon verschleppt. Aber dieser wird von Kater und Widder gerettet und mit seinem eigenen Schweif stranguliert.

Das hatte dann etwas von Straßentheater – wie vier Gaukler und Possenreißer auf einem Jahrmarkt mit verrenkten Bewegungen. Einfach zum Kaputtlachen.

Verteilte Klangwand

Für einen Chor sind diese Stücke immer eine Herausforderung – aber dem RIAS Kammerchor hat man das nicht angemerkt. Wo man bei derart verrückten Tonfolgen eigentlich keine Sicherheit mehr hat, wurde das hier mit einer Leichtigkeit und Souveränität präsentiert – wo noch erschwerend hinzukam, dass der Chor mit Abstand singen musste und zuletzt auf der gesamten Bühne verteilt war. Aber das geht eben nur gut mit einem solchen Spitzenensemble.

Über welches Klangvolumen der RIAS Kammerchor verfügt, zeigte sich auf geradezu gespenstische Weise – nur 34 Sängerinnen und Sänger, und man hatte das Gefühl, von einer Klangwand geradezu erdrückt zu werden. Gut, dass man das auch wieder in der Philharmonie erleben konnte – rein digital hätte sich diese Wucht nicht vermittelt.

Vorliebe für neue Musik

Vladimir Jurowski ist ein Dirigent mit einer Vorliebe für neue Musik. Das konnte er hier auch brauchen, schließlich ist gerade die Musik des späten Strawinsky bemerkenswert zeitgenössisch: oft ganz lakonisch und trocken, nur ein paar Motive wie Gesteinsbrocken, die im Weltraum umherfliegen. Dazu rhythmisch extrem komplex – einmal verzählt, und man ist raus.

Da hat Jurowski sein Orchester in unterschiedlichsten Formationen mit ruhiger, meist sehr sparsamer Zeichengebung hervorragend durch die Klippen gesteuert – mit besonderer Herausforderung durch das Selbstspielklavier, denn das schaut bekanntlich nicht auf den Dirigenten…

Daneben waren auch die kammermusikalischen Petitessen und Liedbegleitungen – oft nur wenige Töne – Hinhörer. Das hat allen spürbar Spaß gemacht.

Zwischen Tabu und Anarchie

Was bleibt nach diesem so ungewöhnlichen Abend? Wer es nicht vorher wusste, konnte hier erfahren: Strawinsky ist mehr als nur "Feuervogel", "Sacre" oder "Petruschka". Seine Ästhetik hat viel mit Spiel zu tun, auch mit einer gewissen Künstlichkeit. Er ist alles, nur nicht sentimental, vielmehr reduziert auf das Wesentliche.

Ein zentraler Satz war ein Zitat, das Stefan Kaminski vortrug: "Alles, was existiert, ist nur ein Spiel am Rande des Grabes." Und so war dieser Abend absolut unterhaltsam, aber auf sehr ironische und sarkastische Weise. Kaminski hat es treffend gesagt: Für Strawinsky gab es nur die Alternative zwischen Tabu und Anarchie.

Andreas Göbel, rbbKultur

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