Dorothee Oberlinger; © Promo
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Musikfestspiele Potsdam Sanssouci - Schlosstheater Potsdam Sanssouci: Pastorelle en musique

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Sie ist ein Schäferidyll, das zu den Perlen der Rokoko-Oper zählt: die "Pastorelle en musique" von 1713/15 von Georg Philipp Telemann. Die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci haben Telemanns einzige Pastorelle am Samstag auf die Bühne des Schlosstheaters im Neuen Palais gebracht. Schon seit mehr als einem Jahr wurde dieser Aufführung entgegengefiebert – unser Kritiker Kai Luehrs-Kaiser war natürlich vor Ort dabei.

Acht Jahre nach der letzten Musiktheater-Premiere im Schlosstheater des Neuen Palais wird die neu eingebaute Lüftung vom Publikum leise bejauchzt. Ein Schwitzkasten ist das Rokoko-Schächtelchen immer noch, sieht aber jetzt wieder genauso alt aus wie immer. Nur die Backen der Putter scheinen blanker geputzt ... Dass die Maskenpflicht in Brandenburg nur noch beim Reingehen, nicht mehr während der Veranstaltung gilt (außerdem ist ein Negativ-Test nicht mehr nötig), bildet schöne Begleiteffeke für die 80 Auserwählten, die in die Premiere von Telemanns "Pastorelle en musique" reindürfen.

Telemanns früheste erhaltene Oper ist eine knapp zweistündige Serenade, komponiert 1713/15 vermutlich für eine Hochzeit. Tatsächlich so leichtgewichtig, dass davon keine ernsthafte Gefährung des Dinners oder gar der Hochzeitsnacht ausgegangen sein kann. Hirtenspiele sind ja ein beschauliches Genre, in dem sich, wie man so sagt, ein Schaf verirrt und ein Schäfer verliebt. In diesem Fall sind es sogar gleich zwei. Die von ihnen Angebeteten ziehen die private Freiheit diesem Angebot zunächst vor. Wir haben es mit der, gleichsam: Erfindung eines veganen Operngenusses aus dem Geiste des Lammbratens zu tun. Leicht. Ganz leicht.

Regisseur Nils Niemann kommt eigentlich vom Figurentheater her (vom Berliner "Figurentheater Liselotte"). Er macht sonst Schattenspiele, auch Papiertheater, und behandelt die Sänger fast wie Puppen. Standbein, Spielbein. Streng beobachtetes, rhetorisches Gestenarsenal. Man hat ihn sicherlich nur mit Mühe davon abhalten können, Kerzenlicht einzusetzen, um die arkadischen Tuschelandschaften zu beleuchten. Diese sind auf herabhängende Prospekte feinstgepinselt. Historische Inszenierungspraxis halt. Man muss zugeben: Während sich ausgewachsene Telemann-Opern oft als zähe Schuhsohlen erweisen, bleibt hier alles schwerelos schön. Weil es mal nicht gedanklich überfrachtet wurde.

Gesungen wird auch etwas rustikaler, ungezügelter als sonst. Zumal das Ensemble 1700 unter Dorothee Oberlinger schütterer und geröllhafter, weniger geputzt agiert als man das gewohnt ist. Durchaus passend. Neben Lydia Teuscher (Caliste) gibt es einen berühmten Namen im Ensemble: Alois Mühlbacher. Er war vor zehn Jahren der absolut beste Knabensopran, den ich je im Leben gehört habe (Schallplattenaufnahmen eingerechnet).

Mühlbacher machte damals auch eine kleine CD-Karriere (unter anderen in René Jacobs’ "Zauberflöte"). Jetzt, durch den Stimmbruch "runtergerutscht", ist er der wohl am mädchenhaftesten klingende Countertenor von allen. Sehr besonders.

Das Werk selbst muss man nicht unbedingt kennen. Allerdings konnte man es, nachdem es 2002 mit dem Archiv der Sing-Akademie aus Kiew nach Berlin zurückkam, schon einmal sehen (2004 im Meistersaal, damals unter der Ägide der Komischen Oper und inszeniert von Vegard Vinge, dem späteren Schöpfer fäkalartistischer Großspektakel im Prater der Volksbühne). Damals war das viel plüschiger als jetzt. Beklagenswert in Bezug auf die Neuproduktion bei den köstlichen Musikfestspielen Potsdam-Sanssouci ist einzig und allein, dass sie – nach nur zwei Aufführungen – schon wieder coronabedingt vorbei ist. Langsam laufen wir wieder los ... Einige Sachen sind: umso kostbarer.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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