Komische Oper Berlin: Œdipe – Jens Larsen (Tirésias), Leigh Melrose (Œdipe), Karolina Gumoa (Jocaste); © Monika Rittershaus
Monika Rittershaus
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Tragédie lyrique in vier Akten - Komische Oper Berlin: "Œdipe" von George Enescu

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An der Komischen Oper Berlin wird der "Ödipus"-Stoff vom russischen Regisseur Evgeny Titov inszeniert. Grundlage ist das einzigartige Musiktheaterstück "Œdipe" des rumänischen Komponisten George Enescu, das nach über 20 Jahren erstmals wieder in Berlin gezeigt wird – unser Kritiker Kai Luehrs-Kaiser war dabei.

"Œdipe" von George Enescu war 1990 eine der wichtigsten Opernausgrabungen der letzten 35 Jahre. Nicht zuletzt dank einer Gesamtaufnahme (mit José van Dam), die so gut war, dass sie den Fall schon fast wieder erledigte. Es folgte noch eine angesehene Inszenierung von Götz Friedrich an der Deutschen Oper (weiterziehend nach Wien). Unverständlich, dass es so lange gedauert hat, bis dies absolute Hauptwerk Enescus den Weg nach Berlin zurückgefunden hat (wo es schon einmal 1975 an der Staatsoper war).

An Sophokles vorbei

Regisseur Evgeny Titov, vom Schauspiel herkommend, verfrachtet die Kombi aus beiden Sophokles-Tragödien (also einschließlich "Ödipus auf Kolonnos") in einen bleifarbenen Metallschacht mit Wasserpfütze. (Ordentlich rumplantschen!) Ich konnte nicht ausmachen, ob das nun ein Schlachthaus oder einen Müllschlucker repräsentieren soll. Titov findet einige starke Bilder. Etwa die gruselig bewegliche Baby-Puppe mit dem Kopf des erwachsenen Ödipus. Ebenso die Sphinx, die ein Boy-Drag mit Halbglatze zum Fürchten ist.

Das Problem beginnt, wenn Titov alles in outrierte, expressionistische Gebärden übersetzt. Dem Schicksal nähern sich hier alle entweder augenrollend, in Hock- oder Bückstellung und die Hände zur Kralle verkrümmt, als sei's Max Schreck in "Nosferatu". An Sophokles schießt das mit Karacho vorüber. An Enescu auch.

Der müsste klingen wie ein wagneresk spättonaler Nachfolger von Debussy. Was sich hingegen GMD Ainars Rubikis gedacht hat, ist eine andere Frage. Viel zu saftig haut er in den Sack, sprengt allen Formsinn, obwohl der für Enescu sehr wichtig war. Das Orchester führt alles technisch sehr gut aus. Nur dass Enescu nunmehr wie eine pompöse Mischung aus Massenet und Messiaen rüberkommt. Zu bereits zu vielen schwachen Dirigaten fügt Rubikis einen problematischen Abend mehr hinzu.

Die Sänger haben sehr gut gearbeitet. Allen voran der gefeierte Leigh Melrose in der Titelrolle. Wirklich phantastisch ist Katarina Bradic als grotesk kumpelige Sphinx. Erfreulich unexpressionistisch-stimmschön Karolina Gumos (als Jocaste). Die anderen, auch Oedipus, singen zu kehlig und zerkauen das Französische so stark, dass ich mich frage, warum man dann nicht gleich auf Deutsch singen lässt. Man würde mehr verstehen.

Die Schnödipus-Variante

Mir ist die Aufführung recht lang geworden. Vor allem, weil Rubikis trotz souveränem Orchester über das Stück "drüberbrettert". Im Vergleich mit dem – formidabel gelungenen – "Greek"-Ödipus an der Deutschen Oper (zwei Tage zuvor) und dem DT-"Ödipus" ist dies leider der schwächste Teil des Antikenkomplotts: die Schnödipus-Variante des Wochenendes. (Nach der alten Freud-Witzantwort einer vom Sohn aufgeklärten Mutter: "Ach, Ödipus, Schnödipus! Hauptsache du hast Mamma lieb.")

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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