Christoph Eschenbach; Foto: Gregor Baron
Gregor Baron
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200 Jahre Konzerthaus Berlin - Konzerthaus Berlin: Jubiläumskonzert zur Saisoneröffnung

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Zum Saisonstart lässt man am Konzerthaus einiges auffahren: zwei ehemalige Artists in Residence und ein Programm voller unterhaltsamer Bezüge. Deutlich werden Vergangenheit und Gegenwart des Hauses zum Jubiläum. Die mögliche Zukunft bleibt noch etwas im Dunkeln.

Festlich geht es los mit einer ziemlich pathetisch aufgedonnerten Blechbläser-Einleitung des niederländischen Komponisten und Dirigenten Willem van Otterloo. Die anschließende Begrüßung des Konzerthaus-Intendanten Sebastian Nordmann fällt zurückhaltend aus. Deutschland müsse Kulturnation bleiben, sagt er, und die Kultur müsse auf Augenhöhe mit der Wirtschaft behandelt werden. Nachdenkliche und mahnende Worte zum Saisonstart.

Klangwand mit Holz

Neues gibt es auch in Form einer Uraufführung. Eigentlich sollte das Stück "XYLO" von Samir Odeh-Tamimi bereits im Mai anlässlich des 200-jährigen Jubiläums präsentiert werden. Das nun ist wie so vieles ausgefallen und auch diese nachgeholte Premiere war nicht ganz im Sinne des Komponisten. Eigentlich sollte das Orchester zu Beginn des Stückes von allen Seiten auf die Bühne kommen. Die Abstandsregeln haben das unmöglich gemacht.

Dennoch vermittelt sich hier viel. Wie so viele Werke von Samir Odeh-Tamimi hat auch dieses etwas Archaisches. Nicht nur viel Schlagzeug – auch die Streicher haben Holzstangen (xylon gr. = Holz) zu bedienen. Man kann dabei an religiöse Zeremonien denken, aber eher ist es das, was die Klangsprache des Komponisten auszeichnet – man fühlt sich wie von einer Klangwand in den Sessel gedrückt, ähnlich dem Moment, wenn ein Flugzeug vom Boden abhebt. Dabei benötigt Odeh-Tamimi nur wenige Mittel: eine rhythmische Struktur ein paar Glissando-Momente, aber das genügt bereits, dass man sich von dieser beeindruckenden Musik am Kragen gepackt fühlt.

Besser als das Stück

Carl Maria von Webers Oper "Der Freischütz" hat vor 200 Jahren das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt eröffnet. Weitaus weniger bekannt ist, dass Weber selbst am Klavier einige Tage später sein Konzertstück in f-Moll dort uraufgeführt hat. Weber war ein brillanter Pianist, und so hat er sich ein technisch ziemlich irres Virtuosenstückchen zurechtgezimmert.

Das ist ein Angeberstück, das man zu Recht eher selten hört. In der Tat gibt es Besseres für Klavier und Orchester, aber Martin Helmchen, vor etlichen Jahren Artist in Residence am Konzerthaus, weiß einiges damit anzufangen. Da sind die nachdenklichen Momente, ein grandioses Gespür für Dramatik – das Technische beherrscht er ohnehin im Schlaf (zumal man es gemeinsam auch schon auf CD aufgenommen hat), und er kann genüsslich losknattern. Martin Helmchen lotet wirklich alle Facetten dieses Werkes aus – noch mehr: Unter seinen Fingern klingt es besser als es ist. Eine tolle Leistung.

Mini-Auftritt

Auch Cameron Carpenter war Artist in Residence am Konzerthaus. Sein Beitrag bestand in einer Choralfantasie von Johann Sebastian Bach. Diese Fantasia super "Komm, Heiliger Geist, Herre Gott" BWV 651 spielte er gewohnt brillant, aber so eilig, dass man beim Hören dieses ziemlich komplex gearbeiteten Stückes kaum hinterherkam. Eher klang es so gehetzt, als müsse Carpenter noch dringend die nächste Bahn erreichen. Klanglich wirkte es wie am Computer gesampelt, nur zu schnell abgespielt. Nach nicht einmal fünf Minuten war alles vorbei, und man fragte sich: Was sollte das jetzt?!

Die Frage nach der Zukunft

Am Schluss eines der Standardwerke: die Haydn-Variationen von Johannes Brahms. Damit kann man als Chefdirigent eines Orchesters schon eine klangliche Visitenkarte abgeben. Diese war allerdings eher gediegen und gestrig, wie aus zentimeterdickem Massivholz geschnitzt. Alles steht auf der Stelle, das Orchester klingt mindestens zwanzig Kilo zu schwer. Die Tempi sind gut gewählt, aber es verharrt entwicklungslos im Gleichklang. Ein Paradebeispiel, wie man sich auf hohem Niveau langweilen kann.

Konzerthaus-Intendant Sebastian Nordmann wollte mit dem inzwischen 81-jährigen Christoph Eschenbach als Chefdirigent einen großen Namen für diese Jubiläumsfeierlichkeiten. Den hat er bekommen. Und es ist richtig, Eschenbachs Vertrag um noch ein Jahr zu verlängern – angesichts dessen, was alles pandemiebedingt nicht stattfinden konnte und nun nachgeholt werden soll. Dann allerdings ist es höchste Zeit für einen Nachfolger – oder eine Nachfolgerin (!) – um dem Orchester eine Perspektive für die Zukunft zu geben, die es unter Eschenbachs Leitung nicht mehr haben kann.

Andreas Göbel, rbbKultur

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