Justin Doyle; © Matthias Heyde
Matthias Heyde
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Musikfest Berlin - Der RIAS Kammerchor zwischen Renaissance und Moderne

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Fast vier Jahrhunderte liegen zwischen den Vertonungen der Klagelieder des Jeremias, die der RIAS Kammerchor präsentiert hat – genau die richtige Herausforderung für einen der weltbesten Chöre überhaupt.

Die Lamentationes des Propheten Jeremias sind eine Steilvorlage für musikalische Umsetzungen – einfach aufgrund ihrer tiefen Emotionalität. Hintergrund ist die Zerstörung der Stadt Jerusalem im frühen 6. Jahrhundert v. Chr. durch babylonische Truppen.

Der Text spricht von Trauer, ist eine Klage über Tod und Zerstörung. Das hat später Einzug gefunden in die geistliche Musik der Karwoche, bezogen auf die Passion Christi. Neben der Trauer finden sich hier aber auch Trost und Hoffnung, und welche Kunst kann das besser ausdrücken als die Musik.

Zwischen Grau und Energy

Vier Vertonungen aus der Spätrenaissance fanden sich in der ersten Hälfte des Konzerts. Alle aus dem späten 16., frühen 17. Jahrhundert. Gerade einmal ein halbes Jahrhundert umfasst das, aber wie verschieden und exemplarisch fällt die Auswahl aus, die der Chefdirigent des RIAS Kammerchors, Justin Doyle, getroffen hat.

Gleich das erste Stück von Carlo Gesualdo reizt die Extreme in einer Art aus, dass man meinen könnte, das sei problemlos dreihundert Jahre später komponiert worden. Bei Palestrina ist das alles sehr viel gedeckelter und ausgeglichener, während William Byrds Variante so prachtvoll und voller Saft daherkommt, dass man zu allerletzt an Trauermusik denken würde. Zwischen grauer Fahlheit und Energydrink ist alles dabei.

Der Spitzenchor

Nun ist der RIAS Kammerchor kein Spezialensemble für Alte Musik. Er ist ganz einfach einer der weltbesten Chöre überhaupt. Dass auch hier alles gesessen hat, man alle Stimmen problemlos durchhören konnte, ist bei diesem Ensemble längst selbstverständlich. Aber mehr noch: Man konnte es genießen, wie die gegensätzlichen Emotionen zwischen Trauer und Hoffnung auf engstem Raum zusammenkamen.

Das Raumempfinden: hier noch wie eine schwach beleuchtete Zimmerecke, dort dann der Große Saal der Philharmonie wie in gleichendem Licht erstrahlt. Alles durch Musik. Und wenn der RIAS Kammerchor von einer Sekunde auf die andere aufdreht, scheint sich eine geschlossene Klangwand auf einen zuzubewegen. Besser kann man das nicht singen.

Strawinsky: genauso, nur anders

Igor Strawinsky hat sich intensiv mit der Vokalpolyphonie der Renaissance auseinandergesetzt, er war ein Fan der Musik von Carlo Gesualdo. Und das hört man auch in seiner Auseinandersetzung mit diesen Klageliedern. Stilistisch ist es komplett anders: streng zwölftönig, komplett atonal. Aber diese Mehrstimmigkeit, das Aufeinandertürmen von Stimmen ist hier auf die Spitze getrieben.

Zwischen Plüschteppich und Beton

Kurz gesagt: So ein Stück kann nur ein Profichor singen. Das sind knappe Einwürfe, die aber umso klarer sitzen müssen, zwischen geflüstert gehetzten und hoch emotional herausgestoßenen Stimmgesten. Tapfer haben sich die dazu engagierten sechs Solistinnen und Solisten durch ihre fiesen Soloparts gestemmt, das darf man nicht vergessen zu erwähnen.

Was am Ende aber als Eindruck bleibt: Egal aus welchem Jahrhundert die Musik stammt – der RIAS Kammerchor kann einfach alles. Und es ist erfreulich, wie der Chefdirigent Justin Doyle die Vielseitigkeit, Flexibilität und Sicherheit des Chores noch um einiges weiterentwickelt hat. Ob Renaissance-Plüschteppich oder harter Beton bei Strawinsky – es ist gleichermaßen überzeugend.

Tapfer zwischen den Jahrhunderten

Eine etwas undankbarere Rolle hatte die Kammerakademie Potsdam. Im ersten Teil ergänzte sie den Renaissance-Block durch drei Instrumentalstücke von Giovanni Gabrieli. Da mussten sich alle erst einmal in die Alte Musik hineinfinden, ein bisschen hakelig und schwerfällig kam das daher. Erst in der letzten Sonata zeigte sich die Virtuosität, Leichtigkeit und Freiheit, die man für die Realisation dieser Musik braucht.

Selbst bei der Begleitung des Strawinsky, teilweise mit herrlich trockenem und durchdringendem Geknurre in den tiefen Regionen – ein Sarrusophon, ein sehr tiefes, statt aus Holz aus Metall gebautes Fagott macht es möglich – hätte es etwas mehr Präzision gebraucht. Aber auch hier hat sich die Kammerakademie tapfer durchgekämpft. Dem Genuss des Abends hat es jedenfalls nicht geschadet.

Andreas Göbel, rbbKultur

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