Herbert Blomstedt © Martin U.K. Lengemann
Martin U.K. Lengemann
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Philharmonie Berlin - Die Berliner Philharmoniker unter Herbert Blomstedt

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Er ist eine lebende Legende: der Dirigent Herbert Blomstedt. Mit seinen inzwischen 94 Jahren steht er immer noch am Dirigentenpult und widmet sich den großen Werken der Musik.

Der Bruckner-Spezialist hat sich für sein aktuelles Gastspiel gleich das komplexeste Werk des Komponisten ausgesucht: die 5. Sinfonie. Und wo derzeit bei etlichen Konzerten seitens des Publikums noch einige Zurückhaltung besteht, waren hier die zu belegenden Plätze in der Großen Philharmonie – 80 Prozent, knapp 2.000 Plätze – gefüllt.

Faszination Blomstedt

Herbert Blomstedt ist nie ein Showdirigent gewesen, kein Zampano am Pult. Dass er 94 ist, merkt man ihm nicht an. Fast beschwingt betritt er die Bühne, und wo bei einem solchen Werk andere Dirigenten nach 75 Minuten erschöpft und schweißgebadet wirken, ging er ebenso beschwingt wieder von der Bühne ab.

Blomstedt hat eines: eine natürliche Autorität. Mit knappen, klaren Bewegungen deutet er an, was und wie er es will. Eine etwas energischere Andeutung, und es wird sofort hörbar reagiert. Das will bei den Berliner Philharmonikern etwas bedeuten.

Drei Eier auf einem Brett

Seine fünfte Sinfonie hat Anton Bruckner einmal sein "kontrapunktisches Meisterstück" genannt. Darin sind die Themen so übereinandergeschichtet, dass geradezu ein Wolkenkratzer komplexester Architektur entstanden ist.

Das umzusetzen, ist brutal schwer. Im Interview im Programmheft findet Herbert Blomstedt das schöne Bild dafür, es sei, wie drei Eier gleichzeitig auf einem Brett zu balancieren. Ein wahres Wort - und bei den meisten Aufführungen dieser Sinfonie geht dieser Eierlauf auch ziemlich schief.

Der Dirigent als Audioguide

Was ist an dieser Sinfonie eigentlich so schwer? Wenn man diese Aufführung gehört hat, muss man antworten: eigentlich gar nichts. Herbert Blomstedt ist wie ein großer Architekt: Er hat das Ganze im Blick, kennt aber trotzdem jedes Detail in- und auswendig. Unter seiner Leitung war es wie eine kompetente Führung durch ein Gebäude – mit dem Dirigenten als Audioguide.

Man bekommt immer erzählt, worauf man besonders achten soll. Selten hat man das so klar, so wissend erlebt. Der Gesamtbauplan war verstanden und trotzdem jede Ecke ausgeleuchtet. Blomstedt wusste am Beginn ganz genau, wo er 75 Minuten später enden würde.

Das Orchester als Uhrwerk

Man muss nicht die Frage stellen, ob die Berliner Philharmoniker dieses Werk spielen können. Das erwartet man einfach. Selten jedoch hat man von diesem Orchester eine solche Hingabe erlebt, wie alle der kleinsten Bewegung des Dirigenten gefolgt sind, wie alle verstanden zu haben schienen, warum was so und nicht anders zu sein hat. Alles ging ineinander wie ein gigantisches Uhrwerk, und dabei schienen alle bei aller notwendigen höchsten Konzentration nicht nur sicher, sondern fast relaxt.

Wie oft hat man das Finale der Sinfonie, in der Bruckner alles turmhoch übereinanderstapelt, rumpelig wie ein LKW mit schlecht gesicherter Ladung erlebt. Hier war es dagegen elastisch, fast ein wenig tänzerisch. Vor allem aber: liebevoll. Hier haben alle für Herbert Blomstedt gespielt.

Sternstunde mit belebender Klangmassage

Was war das Erfolgsrezept dieser großartigen Aufführung? Hier wurde keine Interpretationsidee umgesetzt – es war einfach die Verwirklichung der Musik selbst. Eine Mischung aus Demut und Kompetenz, ein Verstehen der kompliziertesten Zusammenhänge – und doch schien alles so einfach, so logisch zu sein.

Wem Bruckner zu pathetisch ist, zu aufgedonnert, fand hier alles gut durchtrainiert. Kein wabbeliges Fett, sondern gesunde Muskeln. Man wurde nicht totgedonnert, sondern man konnte die prachtvollen Höhepunkte als belegende Klangmassage wahrnehmen.

Am Ende: natürlich stehende Ovationen. Aber diese waren kein gewollter Jubel wie so oft, sondern hier ganz einfach nur die angemessene Reaktion des Publikums auf diese Sternstunde. Ein Abend, bei dem man glücklich ist, dabei gewesen zu sein.

Andreas Göbel, rbbKultur

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