Daniil Trifonov © Dario Acosta
Dario Acosta
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Philharmonie Berlin - Daniil Trifonov spielt Bachs "Kunst der Fuge"

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Starpianist spielt Gipfelwerk – so könnte man den Abend, den Daniil Trifonov auf Einladung der Berliner Philharmoniker gespielt hat, überschreiben. Seine Interpretation lässt keine Wünsche offen, die Gestaltung des Abends selber allerdings schon.

Daniil Trifonov spielt, und die Philharmonie ist ausverkauft. Warum auch nicht – Trifonovs traumhafter Anschlag hat Verführungsqualitäten. Wie er mit wenigen Tönen bis in den letzten Winkel des Großen Saales vordringen kann und dann wieder die Räume eng macht, so dass es scheint, als ob sich die Musik ganz in den Flügel zurückzieht – alle Zwischenstufen eingeschlossen – das macht ihm derzeit kaum jemand nach.

Kunstfertigkeit mit Prachtbauten

Wer sich Johann Sebastian Bachs "Kunst der Fuge" nähert, beschäftigt sich mit einem exemplarischen Werk, in dem der Komponist einer Kunstform huldigt, die am Ende des Barockzeitalters immer mehr an Wichtigkeit verlor. Und Bach wollte beweisen, dass aus einem relativ einfachen Thema mit fugentechnischen Mitteln nicht nur handwerkliche Kunstfertigkeit, sondern große Musik entstehen kann.

Da wird das Thema nicht nur immer phantasievoller abgewandelt, sondern es entstehen Stück für Stück immer größere Prachtbauten – ein klangarchitektonisches Meisterwerk.

Einstieg über Brahms

Daniil Trifonov hat sich dieser Aufgabe über einen Umweg genähert. Am Beginn stand die Chaconne aus Bach d-Moll-Partita für Violine solo in der Bearbeitung für Klavier linke Hand von Johannes Brahms. Und das war ein kluger Beginn: kein spätromantisches Gedonner, sondern relativ streng – aber ganz auf den Klang des modernen Konzertflügels ausgerichtet, den Bach noch nicht kennen konnte. Aber so war man klangästhetisch schon einmal vorbereitet.

Keine Sekunde langweilig

Der Anfang der "Kunst der Fuge" gerät bei Trifonov verhalten, fast geflüstert. Das ist eine Art Umschauen, fast nur ein paar Umrisse. Um dann immer freier und freier gestalten zu können. Jedes Stück bekommt einen eigenen Charakter. Das ist mal ein Gemurmel, aus dem die wichtigen Stimmeneinsätze wie ein Lichteinfall herausleuchten.

Daniil Trifonov weiß seine Gestaltungsmöglichkeiten gut zu dosieren – und er hat keine Scheu, auch mal etwas rhythmisch eckig und kantig zu gestalten, dass man vom Zuhören blaue Flecke bekommt. Und in den komplexesten Stücken türmt er glasklar alles übereinander, so dass ein gigantischer Wolkenkratzer entsteht. Jedes Stück klingt anders, alle klingen gut durchdacht. Es ist keine Sekunde langweilig.

Freundlicher Abschluss

Nachdem alles (die Kanons fehlen in dieser Aufführung) zu Ende gebracht und auch die unvollendet überlieferte Fuge einen ergänzten Schluss erhalten hat, folgt dann aber noch einer von Bachs beliebtesten Chorälen: "Jesu bleibet meine Freude" in der Jahrzehnte alten Klavierfassung der Pianistin Myra Hess. Und da bekommt dieser Koloss, dieses strenge und gleichzeitig so reiche Gedankengebäude, einen freundlichen Abschluss – alles bravourös und mit einer Klangkultur interpretiert, die kaum ein Pianist seiner Generation vorzuweisen hat.

Die Wermutstropfen

Zwei Fragen bleiben jedoch: Warum musste Daniil Trifonov eine Pause einfügen? Das hätte alles kaum 90 Minuten gedauert – für einen Pianisten seiner Konzentrationsfähigkeit sicher kein Problem. Und es hätte viel geschlossener und kompakter gewirkt, ohne dass man mittendrin rausgerissen worden wäre.

Ärgerlicher noch: die Zugaben. Ja, natürlich, die Stückchen von drei der komponierenden Bach-Söhne hat er auf seinem jüngsten Album. Aber im Kontext dieses Konzerts nach der "Kunst der Fuge" wirken sie als ziemliche Kleinigkeiten einfach nur hinterhergekleckert. Auf das Menü eines Sternekochs gab es als Nachtisch ein Schlumpfeis. Im Ernst: Wie kann ein so großartiger Musiker wie Daniil Trifonov nach einem Werk wie der "Kunst der Fuge", wo man als Interpret eigentlich emotional erschüttert sein müsste, so etwas dransetzen?

Andreas Göbel, rbbKultur

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